Villmerger Kriege - Reformierte Landeskirche Aargau


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Ruine Stein ob Baden
Die heutige Ruine Stein ob der Stadt Baden
Foto: zVg

Villmerger Kriege

Gedenken 1712: 300 Jahre Zweiter Villmergerkrieg

Der Frieden von Aarau 1712 - ein wichtiger Schritt zur Religionsfreiheit in der Schweiz

Am 25. Juli 1712 trafen in Villmergen Truppen des reformierten Berns auf Truppen der fünf katholischen Orte der Innerschweiz. Das Ergebnis dieser Konfrontation war der blutigste Bürgerkrieg der Schweizer Geschichte. 500 Tote in der Staudenschlacht bei Fischbach-Göslikon und gegen 4000 Gefallene bei Villmergen. Der Konflikt wurde am 11. August 1712 mit dem vierten Schweizer Landfrieden, dem Frieden von Aarau, beendet. Er legte die Basis für die Einführung der Religionsfreiheit in der Schweiz. Seither sind 300 Jahre vergangen. Im Sommer 2012 sollen verschiedene Veranstaltungen im Kanton Aargau an die damaligen Ereignisse erinnern und die Veränderungen seit damals reflektieren.


Der erste Villmergerkrieg 1656
Schon der erste Villmergerkrieg 1656 wurde von den konfessionellen Spannungen in der alten Eidgenossenschaft genährt. 32 Personen reformierten Glaubens flohen im September 1655 aus dem schwyzerischen Arth nach Zürich. Beide Orte warfen sich den Bruch eidgenössischer Verträge vor: Die Zürcher den Schwyzern die Verweigerung des freien Abzugsrechts Andersgläubiger und die Schwyzer den Zürchern die freundliche Annahme von Landesverrätern. Diese Differenz führte schlussendlich zu Feindbildern und Handlungsnotständen. Die Zürcher Geistlichkeit pries die Flüchtlinge als eine von Gott erwählte Gemeinde. Sie müssten ihnen wie ihren unterdrückten Glaubensbrüdern in der Diaspora tatkräftige Unterstützung zukommen lassen. Das sei sogar ihre Pflicht. Und auch weniger frommen Entscheidungsträgern wurden Argumente für einen Krieg bereitgestellt.

So hob der Zürcher Bürgermeister Johan Heinrich Waser hervor, wie unerträglich die politischen Zustände der Eidgenossenschaft mit ihren vielfältigen inneren Hemmnissen geworden sei und wie dringlich daher ein grundlegender Umbau des Bundes sei. Dass diese Pläne nur gewaltsam gegen die Inneren Orte durchgesetzt werden konnten verstand sich von selbst. Die Zürcher stellten Schwyz einen Antrag, dass die Affäre in einem eidgenössischen Rechtsverfahren auszutragen sei. Zusätzlich wurde die Auflösung des Goldenen Bundes der Katholiken verlangt. Doch die Forderungen wurden ignoriert.

Am 6. Januar 1656 erklärte Zürich der Innerschweiz den Krieg. Es standen sich auf der einen Seite die reformierten Orte Zürich und Bern und auf der anderen Seite die fünf katholischen Orte der Innerschweiz gegenüber. Von beiden Seiten aus wurden Truppen rekrutiert, die dann in Villmergen in einer ersten Schlacht zusammenstiessen. Die Reformierten wurden von den Katholiken überrascht und mussten sich zurückziehen. Der Dritte Landfrieden vom 7. März 1656 stellte die alten Zustände wieder her, wie sie durch den Zweiten Kappeler Landfrieden von 1531 geschaffen worden waren. Die politische Dominanz der katholischen Orte innerhalb der Eidgenossenschaft blieb erhalten. Es brodelte weiter im konfessionellen Pulverfass.

Zweiter Villmerger Krieg 1712
1712 eskalierte der Konflikt erneut. Auslöser war ein Konflikt zwischen dem Fürstabt von St. Gallen, und seinen reformierten Untertanen in der Grafschaft Toggenburg, die seit 1460 zur Fürstabtei gehörte. Seit der Reformation war das Toggenburg zu etwa zwei Dritteln reformiert. Den reformierten Bewohnern des Toggenburgs war die Respektierung des Prinzips der Parität, der Gleichberechtigung beider Konfessionen, zugesagt worden. Trotzdem versuchten die Fürstäbte im Rahmen der Gegenreformation, das Toggenburg wieder dem katholischen Glauben zuzuführen. In allen Gemeinden, auch in den fast ganz reformierten, wurde die Stellung der Katholiken gestärkt. Um die Verbindungen zwischen der Fürstabtei und der katholischen Innerschweiz zu stärken, sollte eine neue Strasse über den strategisch und wirtschaftlich für die katholischen Kantone wichtigen Rickenpass zwischen Uznach und Wattwil angelegt werden. 1697 befahl Fürstabt Bürgisser der Gemeinde Wattwil, die Anlage der Strasse über den Rickenpass auf toggenburgischer Seite durch Frondienste. Aber die Wattwiler weigerten sich, am Bau der Strasse mitzuwirken, die sie als Bedrohung für ihre Glaubensfreiheit und als finanzielle Unterdrückung wahrnahmen. Der Streit spitzte sich zu. Die Toggenburger rüsteten mit Zürchern Unterstützung militärisch auf und besetzten 1710 die fürstäbtischen Schlösser Lütisburg, Iberg und Schwarzenbach. Am 13. April 1712 veröffentlichten Bern und Zürich ein Manifest gegen den Fürstabt von St. Gallen und legten damit ihre Unterstützung für die Toggenburger offen. Auf der anderen Seite veröffentlichten die fünf inneren Orte Luzern, Schwyz, Uri, Zug und Unterwalden ein Gegenmanifest und rüsteten zum Krieg. Bern und Zürich fanden Unterstützung in Genf, Neuenburg und einzelnen Orten im Fürstbistum Basel.

Krieg in Baden, Mellingen und Bremgarten
Zum Hauptkriegsschauplatz wurde wie schon im ersten Villmergerkrieg der Aargau. Die fünf katholischen Orte besetzten die Städte Baden, Mellingen und Bremgarten mit ihren strategischen Flussübergängen und drohten damit, einen Keil zwischen Zürich und Bern zu treiben. Die Berner schritten daraufhin zum Gegenangriff und am 22. Mai kam es in der Nähe von Mellingen zu einem ersten Gefecht. Die Berner nahmen die Stadt ein. Am 26. Mai setzten sie sich auch in der «Staudenschlacht bei Fischbach» durch und besetzten Bremgarten. Vereint mit den Zürcher Truppen zogen die Berner vor die katholische Stadt Baden, die am 1. Juni kapitulieren musste. Die Kapitulationsbedingungen der Sieger lauteten auf Entwaffnung der Stadt Baden, Schleifung der Festung Stein und Errichtung einer reformierten Kirche. Mit den Steinen der Festung Stein wurde zumindest ein Teil der reformierten Kirche erbaut.

Entscheidung bei Villmergen
Am 25. Juli kam es bei Villmergen zur Entscheidungsschlacht. Die 8 000 Mann starken bernischen Verbände besiegten die 12 000 Mann aus der Innerschweiz. Nach dem Sieg in der Zweiten Schlacht von Villmergen drangen die Berner und Zürcher in die Luzerner Landschaft, das Gebiet von Zug, über den Brünigpass nach Unterwalden und über Rapperswil in die Linthebene vor, worauf der Widerstand der fünf katholischen Orte endgültig zusammenbrach.

Der Frieden von Aarau
Der 11. August 1712 war ein wegweisendes Datum für die verfeindeten Konfessionen in der Schweiz. In Aarau wurde der vierte Landfriede, auch Frieden von Aarau genannt, geschlossen. Bern und Zürich sicherten sich die Vorherrschaft in den «Gemeinen Herrschaften» (Im Aargau das Freiamt und die Grafschaft Baden) und setzten die konfessionelle Gleichberechtigung in den Gemeinen Herrschaften durch. Damit wurde die seit 1531 bestehende politische Hegemonie der katholischen Orte in den Gemeinen Herrschaften beendet.
Durch den Aarauer Frieden wurden die Gleichberechtigung der Konfessionen in Religionsfragen an der Tagsatzung sowie die Religionsfreiheit in den Gemeinen Herrschaften geschaffen. Diese Ereignisse gelten als besonders wichtig, waren sie doch ein entscheidender Prüfstein für die Eidgenossenschaft im Umgang mit innenpolitischen Krisen und Konflikten.
300 Jahre sind nur noch geringe Spuren von diesem Krieg und seinen Folgen erkennen. Bis heute zeigen sich teilweise im Aargau, dem «Kanton der Regionen» unterschiedliche Traditionen und Geisteshaltungen. Andererseits gewährleistete der damals etablierte Grundgedanke des föderalistischen Interessensausgleichs
einen dauerhaften Frieden und bildet auch heute noch die Basis für das friedliche Zusammenleben der Konfessionen und Religionen in der Schweiz.
Dieses Jahr ist es soweit: 300 Jahre sind es her, seit der blutigsten Schlacht in der Geschichte des Aargaus. An dieses Ereignis und den vierten Landfrieden von Aarau soll mit verschiedenen Veranstaltungen gedacht werden. Dazu gehören vor allem das Landschaftstheater «Chrüüz und Fahne» in Hilfikon bei Villmergen und der kantonale Gedenktag genau 300 Jahre nach dem Aarauer Frieden, am 11. August 2012 im Openair-Theater in Hilfikon.
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