Reformationsgeschichten Zurzach - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Zurzach

Zurzach ist ein Musterbeispiel für eine Pfarrei, in der sich die Reformation nur bedingt durchsetzen konnte. Nach dem 2. Kappelerkrieg (1531) wurde die obere Kirche, also die Pfarrkirche neben dem Verenenmünster, von Katholiken und Reformierten gemeinsam genutzt (=Simultankirche) und zwar bis 1725. Danach existierte auch eine eigene reformierte Kirche in Zurzach (gebaut ab 1716, eingeweiht 1724).


Vorbemerkungen

Zurzach stellt einen sehr alten Kirchenstandort dar, in dem bereits um 750 n. Chr. beim Grab der hl. Verena ein Kloster entstand. Im Hochmittelalter entwickelte sich ein Strassendorf, das zum Flecken heranreifte und schliesslich Wallfahrt- und Marktort wurde. Das Kloster wandelte man irgendwann im 13. Jahrhundert in ein Chorherrenstift um.

1529 nahm die Bevölkerung die Reformation an. Doch die Lage war hier in der Graf-schaft Baden etwas anders.  Obwohl die fünf alten (katholischen) Orte starken Einfluss ausübten, konnten sie zunächst nicht verhindern, dass auch hier Dörfer und Städte reformiert wurden. Nur die Stadt Baden hielt strikt am alten Glauben fest. Mit dem Zweiten Kappeler Landfrieden brachten die Katholiken die Gemeinen Herrschaften wieder ganz unter ihren Einfluss. Bremgarten und Mellingen wurden rekatholisiert. Der Reformator Heinrich Bullinger und sein Vater mussten aus Bremgarten fliehen. Nur in den Gemeinden Zurzach, Tegerfelden, Gebenstorf, Birmenstorf und Würenlos konnten sich Reformierten halten.

Der Jetzerhandel

Der Jetzerhandel (1506–1509) stellt einen wichtigen Bestandteil der bernischen Re-formationsgeschichte dar, der – durch Herkunft des Namensgebers (Jetzer) – auch eine direkte Verbindung zu Zurzach aufweist.

Wir folgen hier (in leicht angepasster und vereinfachten Form) der Beschreibung im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS):

«Der Jetzterhandel wird nach dem um 1483 in Zurzach geborenen Schneidergesellen Hans Jetzer benannt. Am 24.8.1506 wurde er … in den bernischen Dominikanerkon-vent aufgenommen, wo er im ersten Halbjahr 1507 zahlreiche Erscheinungen der Jungfrau Maria und anderer Heiliger … . Diese Erscheinungen warben für die von den Dominikanern gegen die Franziskaner vertretene Lehre von der befleckten Empfängnis Mariens. Anfang Oktober 1507 wurde Jetzer zur Untersuchung an den Bischof von Lausanne überstellt, wo er die Klostervorsteher … beschuldigte, sie hätten ihm diese Erscheinungen vorgespielt. Der Prozess in Bern führte Ende Mai 1509 zur Verbrennung der Klostervorsteher …, während Jetzer am Ende Juli 1509 aus dem Gefängnis entkommen konnte und sich in der Folge verheiratete. 1512 nahm ihn der eidg. Vogt von Baden in Haft, doch wurde er auf Wunsch Berns laufen gelassen. 1514 soll Jetzer gestorben sein.»

Die Meinungen über den Fall haben sich im Lauf der Zeit verändert: Ende des 19. Jahr-hunderts galt die Hinrichtung der Klostervorsteher noch als Justizmord, und Jetzer als Alleinschuldiger. In letzter Zeit sind jedoch Zweifel an dieser Alleinschuld geäussert worden. Hauptsächlich aufgrund des relativ hohen intellektuellen Niveaus des Jetzterhandels wird eher davon ausgegangen, dass der Lesemeister des Klosters der geistige Kopf war.  … Die Erinnerung an den Jetzerhandel dürfte den Entscheid für die Einfüh-rung der Reformation in Bern mitbeeinflusst haben (so das HLS).

Von Jetzer wird übrigens berichtet, dass er bereits in seiner Jugendzeit «die er in Zurz-ach verbrachte, abnorm veranlagt gewesen sei. Geister erschienen ihm, und in einer Kapelle soll sogar die Madonna mit ihm geredet haben. Der heiligen Barbara, die ihm auch in Bern erschien, verdankte er in wunderbarer Weise seine Rettung, als er bei Zurzach in den Rhein gefallen war». (➝OG_Zurzach).


Aus der vorreformatorischen Zeit…


Ebenfalls einen Zusammenhang mit Zurzach hatte der Fall des Schuhmachers Klaus Hottinger (vgl. Klingnau), der wegen seines reformatorischen Eifers für zwei Jahre aus dem Zürcher Herrschaftsgebiet verbannt worden war, nachdem er in Stadelhofen ein grosses, hölzernes Kruzifix zertrümmert hatte.

Nach einer Zwischenstation in Schneisigen kam Hottinger nach Zurzach, wo er im Gasthaus zum Engel mit den Gästen über die Religion diskutiert habe. So sollen die Geistlichen die Schrift bisher schlecht ausgelegt haben, auch die Messe sei nicht not-wendig, Gott allein sei für Bitten, Hoffnung und Trost der Gläubigen zuständig, sonst niemand (auch die Priester nicht).

Er wurde auf Anordnung von Landvogt Fleckenstein verhaftet und in der Burg Klingnau inhaftiert. Das reformierte Zürich versuchte, Vogt und Rat von Klingnau zu überzeugen, den Fall nicht «malefizisch» (=hoch-/blutgerichtlich) zu behandeln. Nach der Auslieferung in die Stadt Baden verurteilte die Tagsatzung Hottinger zum Tod. Er wurde wenig später in Luzern hingerichtet (†März 1524).

Schon 1523 wurde der Zurzacher Pfarrhelfer Matthäus Bodmer wegen lästerlicher Reden gegen die Mutter Gottes gefangen gesetzt, dem Landvogt und schliesslich dem bischöflichen Gericht in Konstanz überwiesen. Nach seiner Freilassung betätigte er sich 1530 als Prädikant in Bünzen.

Umsetzung der Reformation 1528

Anlässlich der bernischen Umfrage vom August 1529 erklärte sich die ganze Gemeinde Zurzach für die Annahme der neuen Religion, ausgenommen sieben Personen. In der Chronistik werden die Umstände folgendermassen beschrieben: Die Chorherrn im Stift Zurzach flohen, sobald sie sich bedroht fühlten, mitsamt den wertvollsten Reliquien nach Luzern.

Der erste reformierte Prädikant war Franz Zingg aus Einsiedeln, den die Zürcher nach Zurzach geschickt hatten. Als am letzten Sonntag im August 1529 der katholische Pfar-rer zur Predigt auf die Kanzel stieg, soll er aus dem Kirchenvolk den Zuruf empfangen haben, er soll es kurz machen, der neue Prädikant wolle auch noch predigen. Dann stürzte einer auf die Kanzel zu und rief: «Weisst Du nit, daß du abhin solst gan!» Es soll sich hierbei um Georg Teufel gehandelt haben, der – wie ein katholischer Chronist schrieb – mit seinem Namen den Anfang des Teufelswerks gemacht habe. Der von der Kanzel herabsteigende Priester soll dem Zurufer nun seinerseits gesagt haben: «Du heißest Teufel und du bist der Teufel und dich hat der Teufel!»

Teufel soll sich nun am Nachmittag mit seinem Sohn und einer Axt in die Kirche begeben haben, und er schlug alles in Trümmer, was ihm in den Weg kam. Zwischen der Pfarr- und der Stiftskirche zündete er ein Feuer an und warf die zerstörten Gegenstän-de in die lodernden Flammen. Dies war der Auftakt des Bildersturms in Zurzach. Altäre, Orgel, Gemälde und jede Kirchenzier wurden zerbrochen, sogar des Grab der heili-gen Verena wurde geschändet. Die tumultartigen Zustände im Flecken waren chaotisch. Ein Katholik versuchte zunächst erfolgreich, mit seinem Schwert einen Altar in der Pfarrkirche zu schützen, den seine Vorfahren gestiftet hatten. Als nach Hause ging, um etwas zu essen, zerstörten die Bilderstürmer dennoch den Altar und warfen ihn ins Feuer.

Die Lage beruhigte sich zunächst, als der Landvogt die Kirchen schliessen liess, um zwei Tage später von neuem loszubrechen. Weitere Altäre wurden zerstört und die Steine als Bodenbelag im Schlachthaus verwendet.

Die Öffnung des Verenengrabes brachte eine Truhe, ein Fragment des Verenakrügleins (vgl. Legende) und etwas Holz, wahrscheinlich von ihrem Sarg, zutage. Ein grosser Sarg, der in die Sakristei gebracht worden war und mit anderen Heiligtümern ver-brannt werden sollte, schlug der Engelwirt mit einem Beil auf und fand dort ein Särglein aus Holz, darin eines aus Eisen mit etlichen Reliquien der heiligen Verena, so viele Knochen des Rückgrates und vier apfelgrosse, mit Asche vermischte Kugeln aus Lehm. Damit sollte gezeigt werden, dass es sich um Asche der heiligen Verena handelte.

Die Stiftsherren verliessen im Rahmen der Reformation Zurzach und übersiedelten nach Klingnau, Waldshut und in den Klettgau.

Nach dem 2. Landfrieden, der nach dem Kappelerkrieg 1531 geschlossen wurde, muss-te in den Gemeinen Herrschaften neben der (reformierten) Predigt die (katholische) Messe wieder eingeführt werden. Fortan bestand die Einwohnerschaft Zurzachs aus Angehörigen beider Konfessionen. Die Chorherren kehrten aus dem Exil wieder ins Stift zurück.
Der reformierte Prädikant Zingg floh aus Zurzach, als er vernahm, dass in Zurzach wieder die Messe gelesen werde.

Am Osterdienstag 1532 wurden die Reliquien der heiligen Verena in einer feierlichen Prozession wieder nach Zurzach überführt.
Fortan durften die Reformierten in Zurzach Predigt halten und zwar in der oberen Kirche, die auch von den Katholiken genutzt wurde. Damit war dieses Gotteshaus eine «Simultankirche» geworden. Doch die Reformierten durften bis 1712 (Landfrieden von Aarau) weder das Grabgeläute erklingen lassen, noch verfügten sie über einen eigenen Kirchenschlüssel, waren also klar und deutlich benachteiligt.