Reformationsgeschichten Zofingen - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Zofingen

Zofingen ist reformationsgeschichtlich gesehen ein interessanter Fall. Zum einen stellte die Stadtkirche das seelsorgerisch-religiöse Zentrum eines grösseren Bezirks dar, der weit über Zofingen hinausging, zum anderen blieb der Widerstand gegen die Reformation auch nach 1528 noch einige Jahre stark. Beide Seiten, Befürworter und Gegner, konnten auf Persönlichkeiten zurückgreifen, die den Verlauf der Glaubenstransformation massgeblich gefördert bzw. behindert hatten. Dieser Kurztext befasst sich nicht mit der eigentlichen Zofinger Reformationsgeschichte, sondern stellt schlaglichtartig hier handelnde Personen der Reformationszeit dar.


Vorbemerkungen

Die Reformation im bernischen Herrschaftsgebiet war gleichzeitig machtpolitisch und religiös motiviert. Durch die Kontrolle der Kirche liessen sich Reformen besser und geradliniger durchsetzen als wenn man der breiten und oft unkontrolliert-radikalen Kirchenkritik freien Lauf gelassen hätte. Doch Berns Weg durch die 1520er-Jahre war geprägt von Unsicherheit und politischer Vorsicht, die Haltung zu den reformatorischen Ideen gespalten und oft ablehnend, weil im Hintergrund immer die Angst vor einem Bauernkrieg – ähnlich wie im süddeutschen Raum – stand und durch das Auftauchen von Täufern zur bedrohlichen Gefahr wurde.

Ohne hier auf die vorreformatorischen Ereignisse einzugehen, erscheint das Städtchen Zofingen mit seinem alten Chorherrenstift in gewisser Weise ein Hort der Altgläubigen gewesen zu sein. An der grossen Berner Disputation 1528 vertrat der Zofinger Chorherr und Schulmeister Johannes Buchstab die katholische Position.

Die Stadt Zofingen nutzte die Unsicherheit der Reformationswirren, um das Chorherrenstift unter städtische Kontrolle zu bringen, z.B. durch die Unterstellung der Geistlichen unter die weltliche Gerichtsbarkeit in weltlichen Angelegenheiten und unter die Steuerhoheit der Stadt. Dies gelang nur teilweise, da sich Bern wichtige Rechte vorbehielt und nicht zu viel Einfluss abgeben wollte.
Mit dem Berner Reformationsmandat vom 7. Februar 1528 und dem Aufhebungsbeschluss des Chorherrenstifts vom 20. Juli 1528 ging die lange, stolze Geschichte dieser geistlichen Institution zu Ende.

Die Umsetzung der neuen Lehre in Zofingen erwies sich als schwierig, da die Meinungen gespalten waren. Hier wurde der «Zofinger Reformator» Sebastian Hofmeister zu einem wichtigen Vermittler, der gegen den zwischenzeitlich in der Stadt agitierenden Dominikaner Johannes Burkard (vgl. Kurtztext Bremgarten) und andere Altgläubige (z. B. «Messpfaffen» = katholische Priester) die Bevölkerung zu überzeugen versuchte. Hofmeister stand mit Zwingli in Kontakt und schilderte diesem seine Schwierigkeiten in Zofingen, wo, so Hofmeister, viele wie Stöcke seien und nicht wie Menschen. Andere widersetzten sich ihm derart, dass es keine Hoffnung gebe, sie zu gewinnen.

Auch die nach Hofmeister amtierenden Prädikanten vertraten des Öfteren Ansichten, die nicht den bernischen Lehrmeinungen entsprachen. In einigen Fällen wurden sie ihres Amtes enthoben. Erst nach 1548 trat allmählich Ruhe ein.

Zwei Persönlichkeiten der Zofinger Reformationszeit: Balthasar Spentziger und Sebastian Hofmeister

Der letzte Propst des Stifts hiess Balthasar Spentziger. In seinem Lebenswandel zeigen sich die Widersprüche der Zeit und die Reformbedürftigkeit der Kirche. Balthasar dürfte nämlich ein unehelicher Sohn des Stanser Leutpriesters Kaspar Spentziger gewesen sein. Im Jahr 1519 wurde er Chorherr in Zofngen, 1521 Probst (Vorsteher des Stifts) daselbst und 1522 Rektor (Kirchherr) in Gränichen, wo er jedoch von der Residenzpflicht (Wohnpflicht) befreit war. Er wird als Geisterbanner, Teufelsbeschwörer und Wahrsager bezeichnet. Der Bischof von Konstanz liess ihn 1526 in der Zofinger Kirche wegen Teufelsbeschwörung und Konkubinat (Zusammenleben mit einer Frau) verhaften. Erst 1528 wurde er nach mehrmaligen Appellen Berns an den Bischof wieder freigelassen. Offenbar war er «ein Schützling der Gnädigen Herren in Bern» (Zimmerli). Nach der Reformation 1528 erwarb Spentziger die Burg Schwandegg bei Stammheim, wo er um 1536 verstarb. Der Berner Chronist Valerius Anshelm (1475–1547) meinte dazu: Er (Spentziger) habe im Thurgau, «die alte öde burg Swandegk erkauft und sich mit sinem êwip dahin gesetzt, verborgen schätz ze finden; hat da den tod funden».

Türler nennt ihn einen «skrupellosen Geistlichen, der es trefflich verstand, aus der Leichtfertigkeit der Menge Nutzen zu ziehen und seinen Vorteil gehörig zu fördern. Der materielle Genuss ging ihm über alles.»

Sebastian Hofmeister (1476-1533) stammte ursprünglich aus Schaffhausen. Nach einem Studium in Paris kehrte er 1520 zurück in seine Heimat. Ebenfalls 1520 wurde er als Lehrer bei den Barfüssern in Zürich eingesetzt und war nun regelmässig im Umfeld Zwinglis anzutreffen. Letzterer war seit 1519 am Grossmünster als Prediger tätig. Hofmeister und Zwingli pflegten bis zu ihrem Tod einen freundschaftlichen Kontakt. Hofmeisters Lehrtätigkeit fand in Konstanz und in Luzern ihre Fortsetzung.
Nachdem Hofmeister reformatorische Predigten im Stil Zwinglis zu halten begann, musste er Luzern verlassen und kehrte zunächst nach Schaffhausen zurück. Nun  wurde er einer der Anführer der reformationsfreundlichen Partei und nahm 1523 an der Glaubens-Disputation in Zürich teil. Ein Jahr später erscheint Hofmeister als Leutpriester der Johanniskirche in Schaffhausen, wo ihn der altgläubige Rat aber schon bald in die Verbannung schickte. Wieder in Zürich wurde Hofmeister Prediger am Fraumünster, später Schulmeister in Chur. Hofmeister begleitete Zwingli 1528 an die Berner Glaubensdisputation und blieb auf Einladung Berchtold Hallers als Schulmeister in Bern (Professor der hebräischen Sprache und der Katechetik).
Zwingli sprach sehr positiv über Hofmeister und gestand ihm Scharfsinn, gründliche Gelehrsamkeit und ein grosses Talent im Disputieren (führen von Streitgesprächen) zu. Seine heftige Gemütsart, also wohl ein aufbrausendes Wesen, erwähnte Zwingli ebenfalls.

Im Mai 1528 wurde Hofmeister von Bern nach Zofingen geschickt, um dort in der Stadt mit dem wichtigen alten Chorherrenstift für eine zügige Einführung der Reformation zu sorgen. Das Stift war in Auflösung begriffen, die Pfründen wurden gerade alle aufgehoben und der Schultheiss Augustin Huber zeigte sich dem neuen Glauben gegenüber kritisch – ein heikle Situation für den neuen Prädikanten. Zwingli schrieb im Juni 1528 in einem Brief, Hofmeister stehe im Streit mit dem Schlechtesten, nämlich mit Johann Burkardi, dem Dominikaner, der in Bremgarten gegen Heinrich Bullinger aufgetreten war und sich nun in Zofingen aufhielt.

1532 führte Hofmeister noch ein Täufergespräch durch (Zofinger Täuferdisputation), erlitt dann aber 1533 während der Predigt einen Schlaganfall und verstarb zwei Tage später.  Am Freitag vorher hatte Sebastian Hofmeister noch bei seinem Kollegen im Amt Georg Stähelin gegessen. Dessen Knabe betete: «Herr Jesu Christi erlöse uns von gähem unversehenem Tod!». Der «gähe» oder jähe, also unerwartete Tod ohne Vorbereitung (unversehen) war in der damaligen Zeit ein grosser Schrecken.