Reformationsgeschichten Suhr - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Suhr

Suhr ist ein gutes Beispiel für die dörfliche Reformationsgeschichte, vor allem im Bereich der Priester/Prädikanten und deren frühen Widerstand gegen die katholische Kirche. Es finden sich aus vielen relevanten Bereichen Quellen, die zur Beschreibung der «Reformation im Dorf» Informationen liefern.


Einleitende Bemerkungen

Kirchlich bildete Suhr das Zentrum einer frühmittelalterlichen Grosspfarrei, aus der 965 Oberentfelden und um 1300 Gränichen als eigene Sprengel ausschieden. Nach der Reformation trennten sich auch Aarau (1528), Untermuhen (1543) und Rupperswil (1681). 1798 bestand die Kirchgemeinde Suhr noch aus den Dörfern Suhr, Buchs und Rohr (beide bis 1946), Unterentfelden (bis 1959) und Hunzenschwil.

Die Pfarrkirche aus dem 8. Jahrhundert (mit Überresten einer frühmittelalterlichen merowingisch-karolingischen Chorschranke von nationaler Bedeutung) wurde kurz vor der Reformation (1495) neu gebaut und 1994 restauriert. Der Kirchensatz (Recht der Pfarrerwahl) gelangte 1400 von den Habsburgern ans Stift Beromünster und (erst!) 1857 an den Kanton Aargau. 1953 – mehr als vier Jahrhunderte nach der Reformation – wurde in Suhr wieder eine katholische Pfarrei gegründet und 1961 die neu errichtete Heiliggeistkirche eingeweiht.

Priester und Prädikanten in Suhr um die Reformationszeit

Gegen Ende des Mittelalters mehrten sich auch in der Suhrer Priesterschaft die Anzeichen des sittlichen Zerfalls. Rudolf Ment (erwähnt 1430–1471), ein hochgebildeter Mann, liess 1454 gefälschte Ablassbriefe drucken und verkaufen. Den Verkaufserlös steckte er in die eigene Tasche.

Jakob Buchser (erwähnt 1471–1525) war lange Jahre Pfarrer in Suhr, bevor ihn 1522 sein Sohn (!) Johann Buchser im Amt ablöste. Im Jahr 1523 verfasste er im vorgerückten Alter ein Testament für seine sieben(!) Kinder und deren Mutter, die alle in der Stadt Aarau wohnten.

Johann Buchser Sohn war in den 1520er-Jahren einer der regional führenden Geistlichen, der reformatorisches Gedankengut von der Kanzel herab verbreitete. Er unterzeichnete 1528 in Bern die Disputationsthesen und amtierte danach bis zu seinem Tod 1541 als erster reformierter Prädikant in Suhr.

Der Weg zur Reformation (nach Alfred Lüthi)

Bereits um 1522 sind erste Einflüsse der neuen (reformierten) Lehre in Suhr und den benachbarten Dörfern erkennbar. Bei Propst Ulrich IV. klagte Pfarrer Buchser von Suhr, dass seine Pfarrgenossen ihm zustehende Abgaben verweigern würden. Dies bedeute eine empfindliche Minderung seiner Einkünfte. Er ersuchte das Stift Münster als Kirchherrn, seine Einkünfte anderweitig zu vermehren. Vor einem Schiedsgericht, das diese Klage zu untersuchen hatte, erklärte das Stift Münster, Buchser sei an diesem Verhalten des Volkes selber schuld, denn er sei ein Anhänger der neuen Lehre. Dennoch entschied das Gericht zu Gunsten Buchsers.

Am 31. Dezember 1522 berichtete Luzern an Bern als Landesherrn wegen der Ketzerei und der falschen Lehre, die man nach besten Kräften verhindern möge. Man habe Luzern berichtet, dass etliche Pfarrer in bernischen Gebieten, besonders der Pfarrer von Suhr und der Leutpriester von Aarau, mit etlichen weltlichen Anhängern, «die mit sölch faltschen, der lutterschen Opinion vergifft, vil und mengerley Unruow machent gegen unser Stifft Münster, die an denen enden Zins und zehenden hat, diese verweigerten».

Auf den Mauritiustag (22. September) 1523 war in Suhr ein Kirchenfest angesetzt worden. Dazu hatte der Ortspfarrer Buchser den Leutpriester zu Mooslerau, Melchior Müller, kommen lassen. Auch Andreas Hunold, der Leutpriester von Aarau, war unter den Zuhörern anwesend. Was er aber da von der Kanzel dem Volk verkünden hörte von der Verehrung der Heiligen und dem Messopfer, erzürnte ihn so sehr, dass er zweimal, mitten im Gottesdienst, dem Prediger auf seine Kanzel in lateinischeu Worten hinaufrief: «Das ist gelogen!»

Als die auswärtigen Gäste nachher im Wirtshaus beim Imbiss sassen, schmähte Leutpriester Hunold den Pfarrer von Leerau erneut, und sagte, er habe Lügen gepredigt, mit den Worten, die Messe sei ein Opfer. Der also Angegriffene aber liess den Vorwurf nicht auf sich sitzen. Er rief seinen Dekan an, und im Beisein des Propstes von Münster und zweier Chorherren sowie des Landvogtes von Lenzburg wurde Hunold verhört. Er bekannte sich zu allen seinen Aussprüchen und beharrte darauf, Recht zu haben. Als man ihn auf die heiligen Kirchenväter hinwies, nannte er sie «Strohbutzen». Die Chorherren von Beromünster schalt er «Torherren».

Das Kapitel Suhr setzte den aufrührerischen Pfarrer daraufhin ab, worauf er an den Rat zu Bern appellierte. Dort fand er den erwarteten Schutz aber auch nicht. Das Urteil des Dekans und des Kapitels sowie seine Absetzung wurden bestätigt.  Der Berner Rat hatte wohl Angst, dass der radikal auftretende Pfarrer Hunold seine Predigten und Worte auch gegen die Gnädigen Herren richten könnte.

Weitere Klagen Luzerns an Bern betrafen Johannes Buchser von Suhr. Er und seine Anhänger hätten viel Unruhe gestiftet, indem sie die Rechtmässigkeit der Zehnten und Zinse an das Stift Münster in Frage stellten. Mit energischen Worten, die in Bern keinen guten Eindruck erweckten, verlangte Luzem, dass die Sache abgestellt werde. Der Berner Rat schrieb darauf an Luzern, man solle genaueren Bericht geben, was der Pfarrer von Suhr gepredigt und der Wirt von Rupperswil geredet hätten, denn beide seien in Bern erschienen und hätten erzählt, sie seien in Münster gewesen und hätten dort gebeten, dass man ihnen die Reden mitteile, mit denen sie das Stift beleidigt haben sollten. Es sei ihnen jedoch kein Bescheid zuteil geworden. Offenbar hatte man den genauen Wortlaut nicht mehr angeben können. Die Sache verlief daraufhin im Sand.

Einen ernsthaften Handel trug Buchser im selben Jahr auch mit Solothurn aus. Offenbar handelte es sich um einen der damals nicht seltenen Beleidigungsfälle. Buchser erhielt Befehl, an Solothurn vier Pfund auszubezahlen. Verschiedene Male wurde Buchser, der seine Zunge nicht im Zaume halten konnte, vor den bernischen Rat zitiert. Am 2. Dezember 1524 erging vom Rat an den Landvogt die Mitteilung, er habe von Pfarrer Buchser eine Strafe von 30 Pfund einzuziehen, zahlbar in drei Raten.
Trotz allem verwendete sich der bernische Rat dem Stift Münster gegenüber beharrlich für Pfarrer Buchser, damit ihm die Besoldung aufgebessert werde.

Wenn man die endlosen Bitten und Klagen und die unzähligen Einladungen zu mündlichen Verhandlungen in der Suhrer Herberge liest, die ohne Antwort und Erfolg blieben, bekommt man einen Eindruck von der Nutzlosigkeit der Bemühungen. Schliesslich sah sich Bern veranlasst, dem Stift Münster, um es zu Verhandlungen zu zwingen, einen Weinzehnten zu Kirchberg zu beschlagnahmen.

Meister Hans Buchser, Leutpriester zu Suhr, wurde von Bern angedroht, wenn er den bernischen Mandaten nicht Nachachtung verschaffe, werde man ihn absetzen. Schliesslich warf man Buchser vor, er habe zurückgetretene Priester und Laien, die ihn aufsuchten (also von auswärts), bei sich aufgenommen. Der Landvogt wurde beauftragt, dafür zu sorgen, dass Buchser diese Leute wegweise.

Besonders umstritten war die Frage der Priesterehe. Im Kapitel Suhr hatte man beschlossen, eine Delegation nach Bern zu entsenden, mit der Bitte, man möge den Priestern Eheweiber gestatten. Gleichzeitig wollte man sich auch für die Abschaffung der Messe einsetzen. Bern war jedoch gewillt, Hans Buchser von Suhr zur Rede zu stellen, wer ihn ermächtigt habe, solche Praktiken zu üben.

Der erste Pfarrer von Suhr nach der Reformation

Johann Buchser, ein Sohn des Priesters Jakob Buchser, begann 1518 in Freiburg im Breisgau ein Studium, das er 1520 in Köln fortsetzte. Bereits 1522 übernahm der Priestersohn nach einem formalen Schachzug die Pfarrei Suhr von seinem Vater. Für einen kurzen Zeitraum wurde nämlich der Stiftskaplan Johann Wiler von Beromünster formell als Pfarrer von Suhr designiert, um sogleich wieder zurückzutreten. Damit sollte das Aufsehen über die Amtsübergabe eines Priesters an den eigenen, illegitimen Sohn verhindert werden. In der aufgeheizten Stimmung der Reformationszeit spielte Johann Buchser eine prägende Rolle im regionalen Pfarrkollegium, wie dies weiter oben bereits dargestellt worden ist.

Werner Hug von Aarau amtierte 1508 als Pfarrer in Gretzenbach, 1508 und 1520 dann als Stiftskaplan in Schönenwerd. Im Jahr 1522 wurde er zum Gränicher Leutpriester ernannt, wo man ihm 1525 eine Besoldungserhöhung zusprach. Die Ablösung erfolgte bereits 1527. 1528 billigte er als Suhrer Kaplan die 10 Thesen des Berner Glaubensgesprächs. Im März 1528 übernahm er bis etwa 1533 das reformierte Gränicher Pfarramt.

Suhr und die Täufer


Suhr war durch seine zentrale Lage eigentlich nicht als besonders aktiver Ort für Täufer geeignet. Hinweise ergeben sich etwa durch die bei Pfarrer Buchser vom Berner Rat 1526 monierten Besuche von fremden abgetretenen Priestern und anderen Auswärtigen, unter denen sich auch Täufer befunden haben könnten.
Im gleichen Jahr ist neben dem bekannten Aarauer Täuferlehrer – dem Pfistermeyer – ein gewisser Löuwhass aus Suhr erwähnt. 1533 war ein Tischmacher (Schreiner) aus Suhr in Lenzburg inhaftiert. Über ihn ist ein längerer Bericht des Lenzburger Landvogtes an den Berner Rat vorhanden, der die näheren Umstände und den Verlauf des Falles näher beschreibt.