Reformationsgeschichten Rupperswil - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Rupperswil

Rupperswil ist kein Dorf, das im Zentrum historischer Ereignisse gestanden hätte. Vieles aus der frühen Ortsgeschichte ist deshalb nur indirekt oder gar nicht erschliessbar. Auch kirchlich blieb Rupperswil bis 1681 von der alten Grosspfarrei Suhr abhängig, immerhin existierte im Dorf bereits seit etwa 1275 eine Kapelle.
Rupperswil teilte somit die Reformationsgeschichte der Kirchgemeinde Suhr (vgl. Kurztext Suhr).


Der Wirt von Rupperswil

Für die unruhigen 1520er Jahre der Reformationszeit ist eine Episode überliefert, die für einmal Rupperswil ganz unvermittelt und überraschend eine besondere Bedeutung verleiht. Es handelt sich um das kurzzeitige Auftauchen eines Mannes, der unter der Bezeichnung «wirt zuo Rubischwil» in die Geschichte eingegangen ist.
Willi Pfister, einer der Verfasser der vierbändigen Rupperswiler Ortsgeschichte, bezeichnet diesen «wirt zuo Rubischwil» zusammen mit dem im gleichen Zusammenhang erwähnten Magister Johannes Buchser, damals Leutpriester in Aarau (vgl. Kurztexte Aarau und Suhr), als die «ersten Anhänger der Reformation 1522» im bernischen Aargau. In den Akten sei vor diesen beiden keiner erwähnt.

Am 30. Dezember 1522 schrieb der eidgenössische Ort Luzern an Bern folgenden Brief (übersetzt): … Wir zweiflen nicht daran, dass Ihr von der grossen Verirrung und Zwietracht Kenntnis habt, die sich leider in unserer Eidgenossenschaft, in euren und in den Gebieten anderen Eidgenossen erhoben haben über die Lehren und Streitigkeiten Luthers und Zwinglis, und die sich von Tag zu Tag noch verstärken.
… Wir haben damit begonnen und sind auch weiterhin willens, uns solche Ketzerei und falsche Lehren nicht anzueignen, sondern uns und die unseren so gut wir können davor zu beschützen.
Wir haben aber vor einiger Zeit erfahren, wie etliche Pfarrer in euren Gerichten und Gebieten, namentlich der Pfarrer zu Suhr und der Leutpriester zu Aarau mit etlichen weltlichen Anhängern, etwa dem Wirt von Rupperswil und etlichen anderen, die von den falschen Ansichten Luthers vergiftet sind, viel Unruhe gegen unser Stift Beromünster ausgelöst haben, welches dort Zins und Zehnt zugute hat und stets gehabt hat. Sie erlauben sich, dem ehrwürdigen Stift daran Abbruch zu tun.
Davon dürftet ihr … sicher schon durch Herrn Caspar von Mülinen, eurem Tagsatzungsboden und durch Tagsatzungsabschiede gehört haben.
Wir waren auch überzeugt, dass ihr dies abgestellt habt, damit das würdige Gotteshaus und wir nicht weiter belästigt werden.

Da solches aber nicht geschehen ist, sondern das würdige Gotteshaus und wir täglich bedrängt werden, sind wir verpflichtet, danach zu sehen.
Wir bitten und ermahnen euch … ernsthaft, ihr wollet von den genannten Personen, geistlichen und weltlichen und deren Anhängern in Erfahrung bringen, ob sie gleichwohl auch wenn sie in ihren Irrtümern und dem ketzerischen Glauben verharren wollen, trotzdem das ehrwürdige Stift Beromünster in Ruhe und bei den alten Rechten bleiben lassen sollen.
Denn, wenn das nicht sein sollte, hätten wir Ursache, das würdige Gotteshaus und die unseren zu beschützen.
Nehmt dies von uns zur Kenntnis und handelt in dieser Sache, da wir euch vertrauen.
Und wir begehren von euch eine schriftliche Antwort.
Unterschrift: Schultheiss, Räte und Stadt Luzern

Auf der Rückseite ist neben der Adresse (Schultheiss und Rat der Stadt Bern) auch folgender Kanzleivermerk zu finden: Lasterliches schriben wider das evangelium.

Am 17. Februar 1524 ist im Ratsmanual der Stadt  Bern der zusammengefasste Inhalt eines Briefes an Luzern protokolliert worden: Wegen des Priesters von Suhr und des Wirts sollen sie (=Luzerner) doch nach Bern berichten, was der Priester gepredigt habe, und auch was der Wirt geredet haben sol. Denn die beiden seien in Beromünster gewesen, hätten aber keine Antwort erhalten.

Der Brief Berns an Luzern ist überliefert, stammt ebenfalls vom 17. Februar 1523 (1524?), und enthält folgenden (übersetzten) Inhalt:
Auf das Schreiben, dass ihr uns … von wegen Meister Johannes Buchers, Kircherren zu Suhr, und des Wirts zu Rupperswil in unserer Grafschaft Lenzburg habt zukommen lassen,… Darin habt ihr die beiden beschuldigt, ketzerische Sachen gepredigt und geredet zu haben. Wir haben die beiden vorgeladen. Sie haben uns gesagt, sie seien vor die Herren des Stifts Münster getreten, um mit ihnen über die Vorwürfe zu reden, und besonders von ihnen verlangt haben zu erfahren, was sie beide denn gepredigt und geredet haben sollen, dass ihr (=Luzerner) sie so schwer belastet und verunglimpft habt. Beide hätten keine Antwort erhalten.

Nun wirft Bern Luzern vor, dass so der Streit nicht korrekt abgewickelt werden könne. Die beiden könnten durch solche Vorwürfe an Leib, Ehre und Gut zur Verantwortung gezogen werden. Luzern habe in seinem Brief nicht klar gesagt, was die beiden denn Ketzerisches gepredigt oder gesagt hätten, auch nicht, durch welche Personen sie verklagt worden seien. Bern bittet Luzern den Kläger/Anzeiger zu ermitteln und den Namen zu übermitteln, damit Bern diesem mitteilen könne, was er tun und was er lassen soll.

Im Übrigen, so Bern, sei ein Mandat erlassen worden, wie die Prädikanten das Gotteswort verkünden dürften. Habe der Prädikant von Suhr oder andere dagegen verstossen, würde Bern selber dafür schauen, dass eine angemessene Strafe ausgefällt werde.

Zum Schluss folgt eine schon fast als Drohung aufzufassende Bemerkung. Bern hält explizit fest, dass sobald jemand ungerechtfertigterweise als Ketzer beschuldigt werde, es ihm (Bern) zustehe, diesem zu seinem Recht und zur Ehrenrettung zu verhelfen.

Woher der Wirt das Wissen über reformatorische Ideen besass, um sich über reformatorische Fragen öffentlich zu äussern, bleibt unbekannt, könnte aber auf absteigende Durchreisende hinweisen, zumal Rupperswil an einer wichtigen Landstrasse lag. Wirte waren stets von einer gewissen Bedeutung, da Wirtshäuser als «Informationsbörsen» genutzt wurden, wohl auch um reformatorische Ideen zu verbreiten. Die Obrigkeit achtete streng auf die Gasthäuser und verlangte von den Wirten einen besonderen Eid.