Reformationsgeschichten Ruedertal - Reformierte Landeskirche Aargau


Stritengässli 10 · Postfach · 5001 Aarau · Telefon 062 838 00 10 · www.ref-ag.ch · ag@ref.ch


Startseite Kontakt Login Sitemap ___________________

Reformationsgeschichte im Ruedertal

Das «Ruedertal» umfasst heute die beiden politischen Gemeinden Schlossrued und Schmiedrued, kirchlich gesehen die Kirchgemeinde Rued. Während der Reformationszeit (und bis 1798) bildeten das ganze Tal und das westlich gelegene Leerau (Kirchleerau, Moosleerau) eine Herrschaft – die Herrschaft Rued.

Die Herrschaft Rued wurd als sogenannte «Twingherrschaft» nicht direkt von Bern bzw. dem bernischen Landvogt auf der Lenzburg verwaltet, sondern von einer adligen Familie, die hier als Twingherren fungierte und eine gewisse Selbstverwaltung im Rahmen der bernischen Territorialherrschaft ausübte. Die Twingherren gehörten seit der Reformationszeit zur Familie May, welche die Herrschaft Rued 1520 erworben hatten.

Die Herrschaft Rued kann hier als Musterbeispiel für eine Twingherrschaft im Umfeld der Reformation gesehen werden. Ein zweiter und wohl noch wichtigerer Aspekt ist das Ruedertal als Rückzugsort für Täuferfamilien.


Die Herrschaftsherren der Familie May während der Reformation

Glado (Claudius) May (*um 1470 – †1527 Bern) Bernburger und Mitglied des Grossen Rates, zeitweise Landvogt in Lenzburg (1502–1508) besass mehrere Herrschaften, und anderem die 1520 erworbene Herrschaft Rued.

Glado May war befreundet mit Huldrych Zwingli und trieb die Reformation in Bern voran. In der Herrschaftschronik von Rued wird er folgendermassen beschrieben:
Wie sein Vater zeigte sich Glado gleich beym Ausbruch der Reformation als deren thätigster Beförderer. Von seinem reizenden Wohnsiz Strättlingen aus verfocht er die Freyheit des Glaubens mit der Kraft und dem Muth eines würdigen Sohnes Bartlomes [=sein Vater].

Er war nebst dem gelehrten Probst Niklaus von Wattenwyl, seinem nachmaligen Eidam [=Schwiegersohn], dem Venner Hans von Weingarten und dem Sekelmeister Tillmann Hallers wärmster Freund und Beschüzer.

Ein Brief, welchen er kurz vor Weinachten 1525 an Zwingli schrieb, ist unter den Manuskripten des Dekans Gruner aufbehalten worden. Er lautet folgendermaassen: «Ich hoffe es werde sich alles wohl schicken, der Anfang ist gut. So versicherten mich eure Abgesandten, sie seyen wohl abgefertigt worden wie sie es auch selbst sagen werden, und haben gesehen den Willen, den man zu einer christlichen Stadt von Zürich trägt, in Hoffnung die Freundschaft werde sich mehren zwischen uns von Tag zu Tag. Eure Botten haben wohl gesehen wie der Mehrtheil hier noch gesinnet ist [nämlich katholisch]. Meine Herren Räth und Burger haben unsern Herrn Berchtold /Haller/ vergangenen Freytag neuerdings bestätigt zu predigen. Man sucht viele Ränke ihn zu vertreiben, aber ich hoffe zu Gott, es werde nicht geschehen etc. etc.

Berchtold Haller war ab 1520 Leutpriester am Berner Münster und Chorherr. Seine Bedeutung für die Berner Reformation besteht in der glaubwürdigen, beharrlichen und umsichtigen Art, mit der er die Impulse aufnahm und vertrat, die die Aarestadt aus Wittenberg, Zürich und Oberdeutschland erreichten [➝HLS Haller, Berchtold].

Auch Glados Sohn Jakob May war ein überzeugter Anhänger der Reformation. In der Reformationschronik ist vermerkt: [Jakob] Schon 1522 in den Grossen Rath gewählt, nahm er sich als würdiger Sohn Glados und Bartlomes der Sache der Reformation an und ward bald das Haupt der sie begünstigenden Parthey.
Als 1526 der Rath von Bern, durch die Bitten der katholisch bearbeiteten Bevölkerung fast aller Landschaften des Cantons und die eindringlichen Reden Schultheiss Dammans von Luzern, welcher im Namen der 7 katholischen Orte Bern bey der alten Bundestreue beschwor, sich nicht von ihnen zu trennen, auf einen Tag bestürmt wurde, im alten Glauben zu verharren, einen Beschluss gegen die Ein führung der Reformation fasste, verliess Jakob von seinem ganzen Anhang begleitet das Rathhaus.

Zwey Jahre später ward ihm das Glük beschert, den Glauben, den er verfocht, über den heftigsten Widerstand siegen zu sehen. Nach einer im Jahr 1528 vom 6.- 26ten Januar fortgesezten Disputation wurde die Reformation in Bern öffentlich angenommen und alle Zeichen des Papstthums abgeschafft.

Die Familie May war jedoch gespalten. Ein Zweig wanderte aus konfessionellen Gründen nach Augsburg aus (ein Sohn von Glado May aus zweiter Ehe namens Bartolomäus). Einige Familienangehörige verharrten lange und unversöhnlich in ihren altgläubigen geistlichen Stellungen.

Wie gross der Einfluss der Familie May auf die Reformation im Ruedertal selber war, ist nicht belegt.

Das Ruedertal während der Reformation


Das Ruedertal war an der Berner Disputation (1528) durch herr Hartmann, dechan zuo Ruod vertreten. Er unterzeichnete die 10 Schlussreden/Artikel und amtierte in der Folge für eine unbekannte Zeit als Prädikant in Rued. Hartmann ist wohl 1514 als Pfarrer und 1522 als Leutpriester in Rued zum Dekan des Dekanats Aarau gewählt worden und zwar als Ersatz für Jakob Buchser.

Im ältesten Taufrodel der Kirchgemeinde, das im Jahr 1549 einsetzt, befindet sich ein frühes Pfarrerverzeichnis. Dort ist über den ersten Prädikanten eingetragen: Anno 1528 als die Religion geändert und reformiert ward, ist einer hie gsin von Schaffhusen bürtig, der während der mäss (=katholische Zeit) ein priester gsin, darnach als die Reformation ghalten, grad hie verblieben und das Evangelium gepredigt, zog wiederumb dahin gahn schaffhusen. Der gmein man weiß von keinem andern namen, den er ghan habe, dann daß man ihnn gmeinlich «Pater» gnamset.

Über die Vorgänge im Ruedertal während der Reformation schweigen sich die meisten Quellen aus. Von einem Bildersturm erfahren wir nichts, aber er muss stattgefunden haben. Vielleicht in einer weniger radikalen Form, als dies in Reformationshochburgen zu beobachten war. Der Marienalter und jeglicher Kirchenschmuck wurden jedenfalls aus dem Rueder Kirchlein entfernt.

Das Ruedertal und die Täufer

Das Ruedertal wird in der einschlägigen Literatur zusammen mit dem oberen Ruedertal oft als Täuferhochburg beschrieben.

In Brief des Berner Rats vom 29. Juni 1535 an Luzern sowie den Landvogt in Lenzburg ist erwähnt: Uns (=Berner Rat) langt warhaftigen (=glaubwürdiger) bricht an, wie ein grosse zal töufern, namlich by dry hundert, iren ufenthalt in unser grafschaft Lentzburg by Rued habind.

Wann nun unser amptman des orts sy byfangen (=verhaften) will, wichend sy uf üwer  (=luzernisches) ertrich (=Gebiet), und hinwider, wann üwer amptlüt sy venklich annemen wellend, flüchend sy harüber (=herüber auf bernisches Gebiet).

So nun höchste nodturft erhöuscht (=erforderlich macht), darzu ze tund, wellend wir üch gepäten haben, üwern amptlüten ze bevelchen, uf sy ze stellen (=den Täufern nachzustellen). Glicherwys wir unserm amptman zu Länntzburg ouch bevolchen haben, damit ir und wir solicher ufrürigen lüten vorhaben tämmen (=eindämmen) und wider sy handlen mogind das, so die nodturft ervordert.

Im Mai 1536 schreibt der Berner Rat an Benedikt May (ein Sohn von Glado May), Herr zu Rued, von der töufern wegen in siner herschaft Rud.

Im Oktober 1538 schrieb der Landvogt zu Lenzburg an den Rat zu Bern unter anderem, …gnädige min herren, wird ich bericht, wie der toüfferen uß dem  Ruoderthal ettlich gericht und ettlich abgestanden und widrum heimsyen. Deren halber nit ein kleinen costen uffglouffen, derhalben ich von üwern gnaden ouch berichtung gern verstan welt, ob ich den von selbigen ziechen sollte.

Hier wird also von Täufern aus dem Ruedertal berichtet, von denen einige hingerichtet, etlich aber von ihrem falschen Glauben Abstand genommen hätten. Daraus sei einiges an Kosten entstanden. Der Landvogt fragte jetzt beim Rat nach, ob er diese Kosten von den Täufern einziehen dürfe.

Im September 1538 holte der Berner Rat aus Angst über eine bevorstehende «Machtübernahme» Auskünfte in den Landvogteien und Städten über die Täufer ein. Während vielerorts gemeldet wurde, bei ihnen gäbe es keine Täufer, wurden aus Leerau und Rued Interessantes berichtet: 
…vyl [Täufer gebe es] von stund an in Lucernerpiett, nachpuren nüt tun, hallten wachten etc., werchen inen, schälten [beschimpfen] predicanten; zu Münster ein arzet, der töufrisch, den frunden inbunden, Huntzigker gstrafft, löcher in hüsern, darin sy sich verbärgen.

Über die Beobachtung, dass sich Taufgesinnte in dezentralen Gebieten, vornehmlich in Grenzgebieten ansiedeln bzw. aufhalten, wird an anderer Stelle berichtet. Dass hier das Grenzgebiet zwischen dem katholischen eidgenössischen Ort Luzern und dem reformierten Miteidgenossen Bern als idealer Rückzugsraum für verfolgte Täufer erscheint, belegt die obige Quelle, ebenso das Vorhandensein von Täufern in katholischen Gebieten. Interessant ist auch der Verweis auf Verstecke in Häusern, die von Täufern genutzt wurden.