Reformationsgeschichten Rohrdorf - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Rohrdorf

Rohrdorf stellt einen alten Ortschafts- und Ämternamen in der ehemaligen Grafschaft Baden dar. 1854 wurde Rohrdorf in die politischen Gemeinden Niederrohrdorf, Oberrohrdorf und Remetschwil aufgeteilt. (HLS)

Die ehemalige Pfarrei Rohrdorf umfasste Nieder- und Ober-Rohrdorf, Bellikon, Remetschwil, Künten und Stetten sowie Mellingen.

Die Kirche dürfte im 11. Jh. durch das Kloster Muri gegründet worden sein (KDM). Das Patronat wechselte im 13. Jh. zum Kloster Murbach, dann zu den Habsburgern. Über mehrere Adelsfamilien kam die Kirche schliesslich ans Spital Baden (1413).

Rohrdorf verzeichnete ebenso wie die meisten anderen Ortschaften der Grafschaft Baden wenn überhaupt nur eine kurze Phase der Reformation.
 


Reformation im Spiegel der Pfarrpersonen

Nach dem Tod des Pfarrers Konrad Fischbacher 1519 wurde der in Baden wirkende Kaplan Heinrich Buchmann von Bischofzell (geb. 1489) zum neuen Seelsorger gewählt. Im Sommer 1521 führte er mit dem Kollator (Spital Baden) eine Fehde, weil er (unberechtigt) einen Anspruch auf den Weinzehnten geltend machen wollte.

1519 begann in Zürich durch Huldrich Zwinglis Wahl zum Leutpriester und seine Predigtätigkeit am Grossmünster der Reformationsprozess. Im August 1522 beschloss das Zürcher Priesterkapitel in Rapperswil, fortan nur noch nach Gottes Wort zu predigen, sowie Heiligenverehrung und Zölibat abzuschaffen. Heinrich Buchmann war dort ebenfalls anwesend und mit den Beschlüssen einverstanden. Als Zwingli am 2. Januar 1528 von Zürich her über den Heitersberg nach Rohrdorf und Mellingen an die Berner Disputation zog, schloss sich Heinrich Buchmann dem von 300 Bewaffneten begleiteten Zug an.

Durch seine reformatorische Gesinnung dürfte Heinrich Buchmann im Juni 1529 den Entscheid der Pfarrgenossen für den neuen Glauben beeinflusst haben (vor der definitiven Einführung wurden jeweils die Kirchgemeinden befragt).  Die Messe wurde abgeschafft, und der «Bildersturm» vollzogen, das heisst, Altäre, Beichtstühle, Heiligenbilder etc. wurden verbrannt oder anderweitig zerstört. Rohrdorf gehörte zu den ersten Gemeinden der Grafschaft Baden, welche die Reformation einführten. 

Heinrich Buchmanns Bruder Theodor (†1564) war ein berühmter Humanist und Gelehrter, der den lateinischen Namen Bibliander (=Buchmann) trug. Er lebte einige Zeit bei seinem Bruder in Rohrdorf.

Aus dem Jahr 1529 ist ein «Rechtshandel, so sich wider den Pfarrer von Rordorf zuo baden verloffen hat» überliefert. Es scheint sich um unterschlagene Gelder gehandelt zu haben (8. November 1529: Bern an Zürich). 

Buchmann übermittelte am 7. Februar 1531 der Zürcher Regierung seinen Rücktritt von der Pfarrstelle in Rohrdorf. Er hoffte, bei nächster Gelegenheit mit einer freien Pfarrstelle versehen zu werden. Die Stadt Baden informierte er jedoch – entgegen einer getroffenen Vereinbarung – nicht über seinen geplanten Abzug. Von Rohrdorf siedelte Buchmann nach Zürich über. Dort schloss er 1533 mit Elisabeth Gross die Ehe. Später wirkte er als Prädikant in Wiesendangen und Dynhard. Heinrich Buchmann starb 1559 im Alter von 70 Jahren.

Nachfolger in Rohrdorf wurde Hans Bullinger (1496–1570), der acht Jahre ältere Bruder des Bremgarter Reformators Heinrich Bullinger (1504–1575). Er nahm am 11. Oktober 1531 an der Schlacht bei Kappel teil. Nach seiner Rückkehr musste er mit seiner Familie Rohrdorf fluchtartig verlassen. Er fand zuerst in Bremgarten, dann in Zürich Aufnahme.
Heinrich Bullinger schrieb 1568 in seinem «Verzeichnis des Geschlechts der Bullinger» über seinen älteren Bruder Hans Bullinger:

Hans Bullinger ist zu Arbon am Bodensee geboren den 14. Hornung 1496, vom Vater zur Lehr gezogen worden, und gewesen zu Rothwyl, Bern, Heidelberg, Emer[i]ch im Lande Kleve und zu Kölln. Er ist Priester geworden und hat eine Kaplaneipfründe zu Bremgarten gehabt. Von dannen ist er gekommen hinein in Uri, wo er etliche Jahre Pfarrer gewesen ist, und mit den Urnern etliche Züge in's Mailändische hinein gethan hat; zuletzt kam er heraus ab der Schlacht Karan wohl erbläuet im Jahr 1527.
Als er nun etliche Jahre zu Zürich studirt hatte, ist er als Predikant gen Birmendorf, jenseits dem Albis, gesetzt worden; darnach ward er Pfarrer in Rohrdorf in der Grafschaft Baden; von dort mußt' er im letzten Kappelerkriege entrinnen, und verlor da all sein Hauptplunder und Habe. Im Jahr 1532 im Jenner ward er zum Pfarrer gen Ottenbach gesetzt, und als er an einem Schenkel presthaft wurde, verordnete man ihn, wegen mehr Ruhe, gen Kappel zum Predikanten; das geschah den 26. Juni 1557. Zu Kappel ist er den 15. August 1570 an Mariä Himmelfahrt gestorben und in der Kirche begraben worden.

Im Dezember 1531 wurde an einer Tagsatzung in Baden beschlossen, dass die beiden Prädikanten von Rohrdorf und Fislisbach dem Landvogt in Baden angeben sollten, was ihnen gestohlen worden sei (vgl. oben: «all sein Hauptplunder und Habe»). Falls sie die Täter nicht benennen können, soll ihnen der Landvogt den entstandenen Schaden ersetzen. Einer der beiden Prädikanten war Hans Bullinger. (EA)