Reformationsgeschichten Reinach - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Reinach

Reinach ist ebenfalls ein gutes Beispielfür die dörfliche Reformationsgeschichte. Es finden sich aus vielen relevanten Bereichen Quellen, die zur Beschreibung der «Reformation im Dorf» Informationen liefern.


Einleitende Bemerkungen

Es stellt einen gewichtigen Unterschied dar, ob ein Dorf oder eine Pfarrei zur Zeit der Berner Reformation 1528 am Rande eines Herrschaftsgebietes oder in seinem Zentrum lag. Im Kerngebiet zeigten sich nämlich deutlich weniger Möglichkeiten der Einflussnahme von aussen, als dies an den Rändern der Fall war.

Reinach lag seit der Eroberung des Aargaus 1415 am Rand des bernischen Einflussgebiets und bildete das regionale Zentrum des Gerichts Reinach, zu welchem die Dörfer Reinach, Menziken und Burg sowie einige Aussenhöfe gehörten. Kirchlich war Reinach bis zur Reformation Bestandteil der Pfarrei Pfeffikon, nach dem Kirchenbau 1529 bildete es mit Menziken, Beinwil am See, Burg und Leimbach eine eigene Kirchgemeinde. Diese Organisation blieb während Jahrhunderten unverändert. Erst 1890 lösten sich Menziken und Burg  sowie 1922 Beinwil ab.

Elemente der Reformation im Dorf

Die Reformationsgeschichte der Dörfer im ehemals bernischen Unteraargau zeigt eine Reihe von typischen Äusserungsformen, die selten exemplarisch von der Geschichtsschreibung untersucht worden sind. Dazu gehört die Vorgeschichte der Reformation, besonders die 1520er-Jahre, das Verhalten der Priesterschaft, der Umgang mit dem angeordneten Bildersturm innerhalb des Kirchenbaus, die Einführung der Reformation, einschliesslich die erste Generation der neuen Amtsträger (Prädikanten), die ersten Jahrzehnte der Reformationsentwicklung und – last but not least – die Täuferbewegung als radikale Kinder der Reformation.  Nicht zu vergessen – und vor allem für die am Rand des Herrschaftsgebietes gelegenen Pfarreien von Bedeutung – das Zusammenleben mit den katholischen Nachbarn.

Die Reformation in Reinach und Umgebung


Umbruchszeiten zeigen im bäuerlichen Umfeld oft eine Tendenz, sich althergebrachter Abgaben, z.B. Zehntabgaben, zu entledigen. 1525 wies der Berner Rat den zuständigen Landvogt auf der Lenzburg an, die Reinacher sollten den Kleinen Zehnten ihrem Kircherrn – dem Pfeffiker Pfarrer – wie seit altersher wieder entrichen.
In rein religiöser Hinsicht bestand innerhalb der Bevölkerung wenig Anlass und Willen, den reformierten Glauben aktiv anzustreben. Der Einfluss und die kirchliche Abhängigkeit der im luzernischen Herrschaftsgebiet liegenden Pfarrkirche Pfeffikon war und blieb stark.

Zuteilung Reinachs zur Pfarrei Gontenschwil

Nach der Einführung der Berner Reformation im Frühjahr 1528 war zunächst unklar, was im oberen Wynental genau geschehen würde. Die Dorfbewohner von Reinach, Menziken und Beinwil besuchten noch mehrere Wochen lang den gewohnten katholischen Gottesdienst in Pfeffikon.
In Gontenschwil hielt der bisherige Pfarrer strikte am katholischen Glauben fest. Mitte März griff Bern durch. Der Gontenschwiler Pfarrer Daniel Schatt wurde unter Androhung der Amtsenthebung ultimativ aufgefordert, den neuen Glauben anzunehmen und nicht mehr die katholische Messe zu lesen. Da er nicht bereit war, dieser Anordnung der Obrigkeit Folge zu leisten, wurde er seines Amtes enthoben und durch den reformierten Prädikanten Hans Boss ersetzt.
Diese Situation zeigte deutlich, dass die Bevölkerung eher dem alten Glauben anhing, als sich dem reformierten Glauben anzunähern. Der Berner Rat entschied sich, die auf bernischem Herrschaftsgebiet liegende Pfarrkirche Gontenschwil (im 13. Jh. errichtet, seit 1488 relativ, seit 1528 völlig selbständig) als neue regionale Pfarrkirche zu institutionalisieren.

Neubau der Kirche Reinach

Gegen die Zuteilung zur Pfarrei Gontenschwil regte sich Widerstand. Schliesslich bedeutete der Weg zum sonntäglichen Gottesdienst in Gontenschwil für die Bewohner von Menziken und Beinwil einen Fussmarsch von mindestens einer Stunde (zwei mal 5 km für den Hin- und Rückweg). Als Konsequenz besuchten die Dorfbewohner wieder vermehrt den katholischen Gottesdienst im deutlich näher gelegenen katholischen Pfeffikon.
Bern reagierte zuerst mit der Androhung von Strafen. Bald aber setzte sich die Erkenntnis durch, dass nur ein neuer Kirchenbau die Problematik würde lösen können. Der Rat ermunterte die Bevölkerung, in ihrem Dorf einen Bauplatz auszusuchen, um dort mit der Zeit ein Gotteshaus zu errichten. Vorerst sollten sie aber weiterhin die Kirche in Gontenschwil besuchen. Die Bevölkerung war zwar grundsätzlich für einen Kirchenneubau, aber zwischenzeitlich liefen weiterhin Dorfbewohner nach Pfeffikon, feierten dort die Messe, nahmen an religiösen Festlichkeiten teil und pflegten die althergebrachten katholischen Bräuche.
Bern drohte mit Strafen, trieb aber gleichzeitig das Kirchenprojekt voran, wohlwissend, dass nur eine eigene Kirche das Problem würde lösen können.
Die neue Kirche sollte oberhalb des Dorfes an einer erhöhten, gut sichtbaren Stelle errichtet werden. Problematisch blieb vorerst die Finanzierung, weil die Pfeffiker Kirchgenossen (also auch die Reinacher) erst 1524 viel Geld an den Wiederaufbau der eingestürzten Kirche hatten bezahlen müssen. Luzern war zudem nicht bereit, der Herausgabe eines Teils des Pfeffiker Kirchengutes zuzustimmen.
Im Winter 1528/29 begann der Bau der Reinacher Kirche und war bis im Sommer 1529 abgeschlossen. Mit ihr war der erste rein reformierte Kirchenneubau im gesamten Bernbiet entstanden.
Ihren Hauptzweck nennt die Bauinschrift: Got zu Lob und sinem heiligen Wortt, hand die Heren von Bern an disem Ort die Kilchen nüw uß Ursach gebuwen, das sy allein Gott weillen vertruwen und sich abwenden von papstlichen Gewalt 1529 man zalt.

Der erste reformierte Pfarrer in Reinach war Roland Zäch, ein ehemaliger Zisterzienser-Mönch im Kloster Frienisberg. 1531 liess der Berner Rat abklären, ob er gegen die Heilige Schrift und Reformation predige. Falls dem so sei, soll er entsprechend gestraft werden.

Die katholischen Nachbarn


Mit dem Kirchenbau und durch die nicht zu unterschätzenden Strafandrohungen fügten sich die Reinacher Kirchgenossen wohl oder übel dem neuen Regiment der reformierten Berner Kirche. Was sich nicht so einfach beseitigen liess, waren die vielfältigen sozialen Kontakte über die bernisch-luzernische Grenze hinweg. Die Bindungen waren oft so stark, dass sich die Bewohner des Grenzgebietes sogar gegen ihre jeweiligen Landesherren unterstützten.
Beispiel 1: Im Umfeld der Kappeler Kriege plante im Oktober 1531 (nach der Niederlage der Reformierten bei Kappel) luzernisches Fussvolk einen Überfall und Plünderungen in Reinach, Menziken und Gontenschwil. Leute aus dem Michelsamt verhinderten diesen Überfall durch ihren Widerstand.
Beispiel 2: Als Bern im November 1531 einen grösseren Gegenangriff gegen Luzern plante und dabei von Reinach aus den Pfarrer in Pfeffikon zu überfallen gedachte, warnten die Reinacher ihre Nachbarn.
Die wirtschaftlichen Kontakte blieben auch nach der Reformation intensiv. Peter Steiner schreibt dazu: «Von Dorf zu Dorf handelten die Bauern um Vieh, Werkzeuge und andere Gegenstände. Abends, nach getaner Arbeit, traf man sich gerne zu geselligem Zusammensein im Wirtshaus, einmal in Reinach, einmal in Pfeffikon. Auch die jungen Leute kamen an Abenden oder an Sonn- und Feiertagen häufig zusammen, wobei es oft recht lustig zuging. Feste feierte man miteinander. An Hochzeiten besuchten Pfeffiker ungescheut den reformierten Gottesdienst in der Reinacher Kirche; die Reinacher liefen trotz offiziellem Verbot immer  wieder ans Pfeffiker Kirchweihfest oder an die dortige Fasnacht. Selbst Amtspersonen wie Untervogt und Weibel, ja gar der Pfarrer fanden sich an der «Kilbi » ein.

Wichtig waren auch die – trotz der Reformation – weiterhin vollzogenen Eheschliessungen über die Konfessionsgrenzen hinweg. Peter Steiner hat mit seinen genealogischen Forschungen nachweisen können, dass bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts «gemischte» Eheschliessungen (etwa 10% aller Ehen) recht häufig waren und dass sogar bei den reformierten Taufen nicht selten katholische Taufpaten in den Taufrödeln verzeichnet sind (bis zu 25% aller Taufen). Auch der gegenseitige Austausch von Arbeitskräften (Knechte/Mägde) über die bernisch-luzernische Grenze hinweg  wurde durch die Reformation nur unwesentlich eingeschränkt.
Unbestritten bleibt, dass natürlich jede «gemischte» Ehe sich der lokalen Religion anzupassen hatte. Katholische Frauen wurden in Reinach zu reformierten Ehefrauen, Reinacher Männer im Michelsamt zu katholischen Ehemännern.

Und die Täufer?

Die Täufer, oft als die «radikalen Brüder» der Reformatoren bezeichnet, lehnten vieles ab, was die Obrigkeit von ihren Untertanen forderte, z.B. den Untertaneneid, die Militärpflicht, die Kindertaufe, die Zahlung von Zinsen und Zehnten, den Besuch der Gottesdienste in der Dorfkirche, überhaupt die Einsetzung von Pfarrern zur Vermittlung des göttlichen Worts u.s.f.

Die Täuferbewegung ging in den 1520er-Jahren von Zürich aus und verbeitete sich in der Eidgenossenschaft relativ rasch. Im Berner Aargau siedelten sich Täufer vor allem im Oberwynental (mit Reinach) sowie im Ruedertal an.
Die in Reinach und Umgebung ab 1550 in den Taufrödeln nachweisbaren Täuferfamilien waren Zuwanderer, wohl mehrheitlich Flüchtlinge aus dem Zürichbiet, die sich ab etwa 1525 hier niederliessen.

Das bernisch-luzernische Grenzgebiet erwies sich als geeigneter Rückzugsort für die verfolgten Glaubensflüchtlinge. Trotz obrigkeitlichen Vorschriften und Aufpassern nahm die Zahl der Täufer rasch zu. 1535 sollen sich in Rued und Umgebung um die 300 Täufer aufgehalten haben. Sie scheinen sich jeweils an einem geheimen Platz am Stierenberg (Sterenberg) getroffen zu haben, um ihre Zusammenkünfte abzuhalten. Die Lage war ideal. Bei Verfolgung («Täuferjagden») konnten die Gejagten über die Grenze entwischen, zumal auf beiden Seiten Glaubensbrüder mit ihren Familien angesiedelt waren, die Unterschlupf gewähren konnten.

Trotzt drastischer Strafen für «Täuferlehrer» (Prediger) zeigte sich Bern vergleichsweise zurückhaltend, wenn die Täufer sich ruhig verhielten («wy sy still schwygen, nüt trängen»). Dazu gehörte auch, dass die Kinder ordnungsgemäss in die Kirche zur Taufe gebracht wurden, obwohl das eigentlich gegen die Lehren der Täufer verstiess. Doch man konnte die Kinder später als junge Erwachsene wieder (und dieses mal in den Augen der Täufer richtig) taufen.

Der Druck auf die Wiedertäufer nahm in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu, sodass grössere Gruppen und ganze Familien vermehrt z. B. nach Mähren auswanderten. 1573 beispielsweise verliessen 40 täuferisch gesinnte Personen gemeinsam Reinach in Richtung Mähren.
In der Folge reduzierte sich die Zahl der Täufer drastisch. Sie sind aber weiterhin in Reinach und Umgebung vereinzelt nachweisbar.