Reformationsgeschichten Muri - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Muri

Muri ist im kollektiven Bewusstsein noch heute ein «katholischer Ort» im «katholischen Freiamt». Dies dürfte wohl auf das bekannte, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wichtige Kloster gleichen Namens zurückzuführen sein, das trotz der Aufhebung während des aargauischen «Kulturkampfes» 1841 seine ideelle Bedeutung nicht verloren hat.

Das Kloster blieb auch während der Reformationswirren stets katholisch, obwohl Abt Laurentius von Heidegg mit dem Reformator Heinrich Bullinger befreundet war.

Dennoch ist heute kaum mehr bekannt, dass damals die Reformation in Muri für kurze Zeit durchaus eine realistische Option in seiner konfessionellen Entwicklung gewesen ist. Muri ist deshalb ein gutes Beispiel für die heftigen Kämpfe der Reformationszeit, die im Berner Aargau zu Gunsten der Reformierten, im Freiamt jedoch für den Katholizismus ausgegangen sind.


Die Reformation in Muri und in den Freien Ämtern

Mit der Einführung des neuen Glaubens in Zürich (1523) begann die offene und verdeckte konfessionelle Einflussnahme dieses eidgenössischen Ortes in den Freien Ämtern und in den Städten Mellingen und Bremgarten – also überall dort, wo Zürich in den Gemeine Herrschaften an der Regierung beteiligt war.

Am 20. Februar 1524 erliessen die katholischen Orte Luzern, Schwyz, Unterwalden und Glarus ein Mandat, das die Untervögte, Weibel, Richter und sonstigen Amtleute im Ergöw (gemeint waren die Freien Ämter) aufforderte, das von der nüwen luterischen oder zwinglischen und bas zu reden zum theil kätzerischen sect und leer eingeführte Fleisch- und Eieressen an Fastentagen

Das Mandat scheint nicht mehr durchsetzbar gewesen zu sein, da die neue Lehre bereits auf fruchtbaren Boden gefallen und sich gut entwickelt hatte. 1523–1525 regierte zudem ein reformierter Zürcher Landvogt in den Freien Ämtern mit geradezu missionarischem Eifer.
Die Kirchgemeinden der unteren Freien Ämter von Boswil über Wohlen, Villmergen, Hägglingen Wohlenschwil, Niederwil und Göslikon, etc. sowie das Amt Hitzkirch und die beiden Städte Bremgarten und Mellingen in der Grafschaft Baden wandten sich dem reformierten Glauben zu. In mehreren dieser Gemeinden kam es zudem am 24. Mai 1528 zum Bildersturm.

Auch in Muri gab es zu dieser Zeit einen bedeutenden Teil der Bevölkerung, der neugläubig war. Die Ämter Bettwil und Meienberg blieben dagegen weitgehend dem alten Glauben treu.

Die katholischen Orte ergreifen Gegenmassnahmen


Um die katholisch gebliebene Bevölkerung in ihrer Haltung zu bestärken und einen weiteren Glaubensabfall zu verhindern, sandten die katholischen Orte (Luzern, Schwyz, Unterwalden, Zug) im Juni 1529 eine Delegation in die gefährdete Region der Freien Ämter.

Am 6. Juni dürften die Boten in Muri eingetroffen sein. Sie stellten nun der versammelten Gemeinde die Folgen des Glaubensübertrittes dar. Darauf stand der Landvogt auf und erinnerte sie an den Eid, den sie ihm geschworen hatten. Wer den halten welt und by dem alten kristenlichen gloüben bliben wellent, so der Landvogt, die sollend zu im stan. Darauf seien 140 Männer an seine Seite getreten. 70 Männer hätten sich von ihm entfernt und sich entschlossen, das gotzwort und das nüw und alt testament zuo haben und lib und guot darzuo setzen und sich nit darvon lassen triben noch trengen, es muog ee grund und boden kosten.

Weiter verhandelte man Fragen der Gerichtsbarkeit. Dabei wurden die Neugläubigen als die «Bösen» und die Altgläubigen als die «Guten» bezeichnet (natürlich immer aus der Sicht des in dieser Quelle berichtenden katholischen Schreibers).

Der Erste Kappelerkrieg (1529)

In den folgenden Monaten spitzte sich durch gegenseitige Provokationen die Lage zwischen den katholischen fünf katholischen und den reformierten Orten immer mehr zu. Im Juni 1529 brach dann der Erste Kappelerkrieg aus, der zur Besetzung des Klosters Muri durch ein reformiertes Freiämterkontingent unter Zürcher Leitung und im Amt Muri zu einer neuen Glaubensabstimmung führte. Im Gegensatz zur oben beschriebenen Befragung ergab sich nun ein Mehr für die Reformation.
Der Erste Kappeler Landfriede vermochte aber die aufgebrochenen Probleme nicht zu lösen. So behielt jede Partei ihren Glauben, während in den Gemeinen Herrschaften jede Gemeinde über ihre Konfession abstimmen durfte. In der Folge wechselten so weitere Gemeinden die Konfession, mehrheitlich hin zum reformierten Glauben.

Auswirkungen in Muri

Im September 1529 erhob sich ein Gerücht, dass die «Bösen» (die Reformierten) des Amtes Muri am 26. des Monats die Leutkirche in Muri von ihrem religiösen Bilderschmuck «befreien» wollten, obwohl die Katholischen 40 Stimmen mehr gehabt hätten.

An der Badener Tagsatzung im Oktober 1529 zweifelten die katholischen Orte die Stimmenmehrheit der Reformierten in Muri anlässlich der letzten Glaubensabstimmung an. Das Mehr sei nur erreicht worden, so die «Guten», weil Fremde an der Abstimmung teilgenommen hätten. Zürich beharrte jedoch auf der Rechtmässigkeit und Korrektheit der Abstimmung. Jetzt müsse ein (reformierter) Prädikant in Muri eingesetzt werden. Die anderen reformierten Orte versuchten zu vermitteln und schlugen eine erneute Abstimmung vor, doch daran waren die Katholischen nicht interessiert. Der Handel zog sich unter gegenseitigen Vorwürfen immer mehr in die Länge. Zwischenzeitlich waren in Muri einige Neugläubige ihres Amtes enthoben worden.

Neben den öffentlichen und offiziellen Auswirkungen des Streites gerieten zunehmend auch einzelne private Personen aneinander. Ehrverletzungen waren an der Tagesordnung. So hatte etwa der Untervogt in Muri die Zürcher geschmäht. Auch der Totschlag an einem Klosterbruder, Ulrich Schnyder von Sursee, durch Hans Widerkehr, Müller in Nidingen, vergiftete die Stimmung weiter.

Der Zweite Kappelerkrieg (1531) und seine Folgen

Als im Mai gegen die katholischen Inneren Orte eine Proviantsperre verhängt worden war, erklärten die katholischen Fünf Orte nach monatelanger Vorbereitung am 9.  Oktober 1531 den reformierten Städten Bern und Zürich den Krieg. Das Zürcher Heer – in seiner Mitte und ebenfalls unter Waffen der Reformator Ulrich Zwingli  – wurde am 11. Oktober 1531 von den «Katholischen» geschlagen, Zwingli fiel. Das Berner Heer war nicht rechtzeitig am Ort des Geschehens, um in den Kampf einzugreifen. Die neugläubigen Freiämter wurden damals von Bern und Zürch im Stich gelassen, mit nachhaltigen Folgen für die Entwicklung der Reformation im Freiamt.  Im

Nach der Niederlage der reformierten Zürcher und Freiämter im zweiten Kappeler Krieg wurde im November 1531 zwischen den katholischen fünf Innerschweizer Orten und den reformierten Orten Bern und Zürich das Zweite Kappeler Friedensabkommen vereinbart, von dem aber das Freiamt und die beiden Kleinstädte Bremgarten und Mellingen ausgenommen wurden. Sie mussten sich den fünf katholischen Orten unterwerfen. Wie zu erwarten war, wurden sie zwangsweise rekatholisiert und nachträglich empfindlich bestraft. Den ehemals reformierten Ämtern auferlegten die Sieger den Makel der Ehr- und Treulosigkeit (aufgehoben 1568). Ihnen wurde auch die freie Wahl der Untervögte aberkannt und an den jeweiligen Landvogt übertragen. Ausserdem besassen sie auch das Bannrecht, das Recht zu bestimmen, von welchem Gewerbebetrieb die Einwohner bestimmte Produkte oder Leistungen beziehen durften, bis 1611 nicht mehr.

Das etwa zwei Jahre andauernde konfessionelle Seilziehen im Freiamt und im Ort Muri hatte ein jähes Ende gefunden. Fortan hatten hier die katholischen Orte auf religiöser und militärischer Ebene bis 1712 (Zweiter Villmerger Krieg / Landfrieden von Aarau) das Sagen.