Reformationsgeschichten Mellingen - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Mellingen

Mellingen ist – historisch gesehen – zwar eine Stadt (1242 erstmals als Stadt erwähnt, 1296 Stadtrecht), muss aber wegen der vielen umliegenden Städte als «Fehlgründung» gesehen werden, die nur ein geringes Wachstum aufwies. So betrug die Einwohnerzahl zur Reformationszeit um 300 Personen.

Mellingen erlebte zwischen 1529 und 1532 eine vollständige Reformation, wurde aber nach dem zweiten Kappelerkrieg von den Innerschweizer katholischen Siegern zwangsweise rekatholisiert und blieb in der Folge von den katholischen Orten dominiert, und zwar wegen der strategisch wichtigen Position als bedeutendster Brückenort zwischen den beiden reformierten Hauptmächten Zürich und Bern. Mellingen war «geradezu ein Bollwerk des Katholizismus … bis ins 19. Jahrhundert hinein» (Hunziker).

Nach der Eroberung von 1415 blieb Mellingen innerhalb der Grafschaft Baden gemeinsamer Besitz der acht Alten Orte bis 1712, dann von Zürich, Bern und Glarus.

In der Stadt existierte zunächst die Stadtkirche mit vier Altären, die vom Leutpriester und drei Kaplänen betreut wurden. Rechts der Reuss gab es zudem zwei Kapellen, hinter der Kirche das Beinhaus.


Notizen zur Reformation in Mellingen

Johannes Gingi war seit 1526 Pfarrer in Schöftland (vgl. KT Schöftland). Als 1527 die Pfarrstelle in Mellingen neu besetzt werden musste, stellte sich Johannes Gingi neben Kraft Oelhafen zur Wahl. Gingi erscheint damals bereits als Befürworter der Reformation, während Oelhafen deren strikter Gegner war. Während des «Wahlkampfs» wurde einiges an «schmutziger Wäsche» gewaschen. So berichteten die Gegner Gingis (z.B. Junker Hans Ulrich Segesser und Glättli), dieser habe 300 Stück Wildvögel bestellt, die er dann nach seiner Wahl mit 300 Gardeknechten (er war früher offenbar Feldkaplan der Reisläufer gewesen) in einem grossen Festessen zu verzehren gedachte.

Bei der Wahl Anfang 1527 stimmte die Mehrheit der Stadtburger für den katholischen Parteigänger Oelhafen. Der unterlegene Gingi soll von seinen Anhängern zum Stadttor hinaus begleitet worden sein, wobei gegenseitig Spottreden geäussert wurden. Dies führte zu einer Schlägerei, bei er es sogar Tote gegeben haben soll.

Die Stadt blieb vorerst katholisch.

Zwingli in Mellingen: Anfang Januar 1528 machte Zwingli und sein Gefolge  in Mellingen Halt. Er befand sich auf dem Weg nach Bern, wo die grosse Glaubensdisputation stattfinden sollte. Zwingli wurde von vielen Bewaffneten begleitet, weil ihm von katholischer Seite während der Durchquerung der Gemeinen Herrschaften durchaus Gefahr drohte. Der katholische Chronist Salat beschrieb den Zug abwertend als Zug voller Hochmut und Trotz «als wettens zuo Krieg».
 
Im «Hirschen» zu Mellingen nahm ein Teil der Delegation das Mittagessen ein, unter ihnen auch der Zürcher Reformator Zwingli. Dort spielte sich nun jene eigenartige Szene ab, die Bullinger in seiner Reformationschronik schildert: «In allem ynbiss kumpt da har Onoffrius Setzstab», ein der Stadt verwiesener Zürcher, Wirt und Reisläufer, Verräter und vorbestraft, der sich nun in den fünf (katholischen) Orten aufhielt, «gadt zum tisch an dem Meister Ulrich Zwingli sass, grüst inn und wil imm die hand bieten. Alls inn aber Zwingli nitt grad kandt und von Meister Jäckli hört, es were Onoffrius Setzstab, antwortet Zwingli, worumm sollt ich dir die hand bieten, diewyl du geredt, ich hab zuo paris, dahin ich doch min läptag nie kämm, 20 gulden und einen beschlagenen löffel gestolen?
Sagt Seztstab, ich habs nitt erdacht: Meister Heinrych von Alliken, der Stadtschryber zuo Lucern, hat es geredt.
Sagt Zwingli: kannst du dann mir sagen, das er sömlichs geredt, so sag imm du hinwiderumm, das er vil gwüsser zwentig tusend Eydgnossen verkoufft habe».

Jetzt sprangen die bewaffneten Zimmerleute von den Tischen auf, doch der Wirt erwischte Setzstab und zerrte ihn zur Türe hinaus, bevor ihm etwas angetan werden konnte. Man nahm an, der Ruhestörer sei von den fünf Orten ausgeschickt worden, um auszukundschaften, ob Zwingli mitreise; andere glaubten, es hätte eine Wette gegolten. (Liebenau/Hunziker)

Als Zwingli und seine Begleiter Mellingen verlassen hatten und weiter Richtung Bern zogen, kam es zu einem weiteren Zwischenfall. Bullinger schreibt: «Alls man aber für Mellingen hinus in das fäld kämm, beschach ein Schutz (=Schuss) näben der straas imm holtz, das aber ein unruow macht, und das der mitt der trummeten bliess, und das volck zamen lüff». Man suchte den Wald ab, fand aber niemand.

Mellingen wird reformiert:
Der Chronist der Zürcher Reformation Bernhard Wyss schrieb: «Anno 1529, uf den Osterabend, des 27. tags merzens, habend gemein burger zuo Mellingen die götzen uf dem kilchhof verbrennt und was überblieb, das hand si am Ostermittwochen glich darnach verbrennt».
Der katholische Reformationschronist Hans Salat dagegen wetterte zuerst gegen Bremgarten und schalt es «ein gar ful, bös näst», dann meinte er zu Mellingen: «Glych also handleten ouch die zuo Mellingen, stürmten ir kilchen, branntend die bilder am Osterabend, schüttend ir Helltum (Weihwasser) uss under die füss mit trutziglichen worten, ein fuls hudelgsind…».
Heinrich Bullinger vermeldete in seiner Chronik kurz und sachlich «und wirt die Mess an etlichen orten abgethan», so «zuo Mellingen des 27 Marty». An diesem Abend übermittelte die Stadt Mellingen an Bern den Übertritt zur neuen Lehre. Wenige Tage später ging auch an Zürich eine ähnliche Nachricht, dass mit einhelligem Mehr der Räte und der ganzen Gemeinde durch dazu Verordnete alle Bilder aus der Kirche beseitigt und verbrannt worden seien. Niemand habe sie deswegen angefochten, auch sei niemand genötigt worden, die Stadt zu verlassen. Nur fünf Personen scheinen beim alten Glauben verharren zu wollen. Die Prädikanten hätten die Messe aufgegeben, darum seien am 3. April alle Altäre abgetragen und entfernt worden. Im übrigen wolle die Stadt gemäss Briefen und Siegeln ihren Obern gehorsam sein. Den katholischen Pfarrer Kraft Oelhafen hatte man in der Zwischenzeit entlassen. (Hunziker)

Das Ende der kurzen reformierten Ära

Nach der Niederlage der reformierten Zürcher und Freiämter im zweiten Kappeler Krieg im November 1531 wurde die Stadt Mellingen vom Kappeler Friedensabkommen ausgenommen und mussten sich den fünf katholischen Orten unterwerfen. Mellingen wurde unter harten Bedingungen zur Rückkehr zum alten Glauben gezwungen. Die Wahl des Schultheissen beispielsweise durfte bis 1612 nicht mehr durch die Gemeinde erfolgen. Liebenau fasste die kurze reformierte Ära in einem prägnanten Satz zusammen: «Einen befruchtenden Regen hatten die Bewohner von Mellingen von der Reformation erwartet; aber nur Wind und Wolken zogen über sie hin.» Und dann: «Auf die Zeit der Reformationswirren folgte eine lange Ruhe, in welcher die Stadt, … von ihrer frühern Bedeutung immer mehr verlor, …»