Reformationsgeschichten Klingnau - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Klingnau

Klingnau ist ein gutes Beispiel für eine Pfarrei, in der sich die Reformation nicht durchsetzen konnte. Dies hat zum einen mit der Lage der Kleinstadt in der Grafschaft Baden (also den Gemeinen Herrschaften) zu tun, zum anderen mit ihrer historischen Verflechtung mit dem Bistum Konstanz (vgl. weiter unten die historischen Notizen in den «Vorbemerkungen).
Die jährlich wechselnden Landvögte in Baden verhinderten Kontinuität in vielen Bereichen. Auch der bischöfliche Vogt in Klingnau wusste die Interessen seines Herrn durch direkte und indirekte Einflussnahme zu wahren. Die Reformation setzte sich hier nur in begrenztem Masse durch, doch stammen einige bekannte Täufer aus Klingnau.


Vorbemerkungen

Klingnau ist eine Stadtgründung der Freiherren von Klingen aus dem 13. Jahrhundert (1329). Bereits 1269 erfolgte der Verkauf der Stadt an den Bischof von Konstanz. Ebenfalls 1269 entstand durch Schenkung seitens der Freiherren von Klingen das Wilhelmitenkloster Sion. Bereits 1268 kamen die Johanniter von Leuggern nach Klingnau (Sitz des Komturs = Vorstehers), kehrten 1416 wieder zurück nach Leuggern. 1314 erhielt Klingnau städtische Freiheiten. Klingnau stand 1415–1798 als eines der drei äusseren Ämter der Grafschaft Baden unter der Herrschaft der Eidgenossen. Der Landvogt zu Baden war Hochrichter. Dieser Landvogt wechselte jährlich turnusmässig unter den beteiligten eidgenössischen Orten.

Zusammenfassend lässt sich über die Reformationszeit sagen (Otto Mittler): Auch hier in Klingnau drang wie überall in der Grafschaft Baden von Zürich aus die neue Lehre kräftig ein. In der (…) Auseinandersetzung zwischen dem alten und neuen Glauben entschieden sich die Klingnauer Bürger jedoch (wie oben bereits erwähnt) unter dem Einfluss des katholischen Landvogts in Baden und des bischöflichen Vogtes 1529 für den Verbleib beim alten Glauben. Die Nachbarn in Tegerfelden und Zurzach wurden jedoch protestantisch. Die katholischen Landvögte verstanden es, nach und nach die reformierte Minderheit aus der Stadt zu vertreiben. So wurde Klingnau ein katholischer Stützpunkt mitten im reformierten Gebiet.

Die Reformationsgeschichte ist umfassend, wenn auch in einer leicht «katholisch-lastigen» Optik dargestellt in Stadtgeschichte von Otto Mittler aus dem Jahr 1947.

Vorreformatorische Situation


Die vorreformatorische Situation in Klingnau zeigte sich den Gläubigen «nicht besser und nicht schlimmer als an andern Orten» (Otto Mittler, auch die nachfolgenden Zitate), insgesamt also ein «Mangel an sittlicher Haltung in den klösterlichen Gemeinschaften und im niederen Klerus».

Für die Haltung der Bevölkerung zur Reformation war meist die Haltung der lokalen Leutpriester massgeblich – ausgenommen natürlich, wenn die Obrigkeit ihren Untertanen den Glauben per Mandat vorschrieb. Voraussetzung war hier, dass der Geistliche seinen Pflichten als Seelsorger in den Augen seiner Gemeinde angemessen nachkam. Der in der Reformationszeit wirkende Klingnauer Leutpriester Heinrich Meringer (seit 1520 im Amt) scheint ein geachteter Pfarrer gewesen zu sein.

Durch die geografische Nähe war in Klingnau nicht Bern, sondern Zürich der Ausgangspunkt reformatorischer Aktivitäten. Doch Klingnau wie Baden hielten beharrlich am alten Glauben fest. In Baden lässt sich dies sicher auf den Status als Tagsatzungs- aber auch als Bäderstadt zurückführen. Dann aber auch auf die bereits erwähnte Haltung der Geistlichkeit und ebenso auf die Tatsache, dass ab 1523 rund 10 Jahre lang katholische Landvögte amtierten. Zuerst war dies Heinrich Fleckenstein von Luzern. Er vertrat hier diejenige Stadt, welche im Kampf der Konfessionen die Führung der katholischen Orte übernommen hatte.

In Klingnau selber amtierte ein vehementer Gegner der Reformation als bischöflicher Vogt. Es war Hans Grebel (im Amt seit 1520). Seine Einflussmöglichkeiten waren grösser als in vergleichbaren Städten, weil Klingnau als bischöfliche Stadt keinen Schultheissen (=Bürgermeister) besass (wie z.B. Kaiserstuhl).

Grosses Aufsehen erregte die Verurteilung des Zürcher Schuhmachers Klaus Hottinger. Er war der ersten «Märtyrer» der Reformation in der Schweiz. Wegen der Schändung eines Kruzifixes bei Stadelhofen wurde er für zwei Jahre aus Zürich verbannt. Er hielt sich dann in der Grafschaft Baden auf und soll in Schneisingen und Zurzach den alten Glauben geschmäht haben. Daraufhin wurde er auf Anordnung von Landvogt Fleckenstein (siehe oben) in der Burg Klingnau inhaftiert. Das reformierte Zürich versuchte, Vogt und Rat von Klingnau zu überzeugen, den Fall nicht «malefizisch» (=hoch-/blutgerichtlich) zu behandeln. Nach der Auslieferung in die Stadt Baden verurteilte die Tagsatzung Hottinger zum Tod. Er wurde wenig später in Luzern hingerichtet.

Klingnau und die Wiedertäufer…


Die Täufer lassen sich als religiöse Bewegung im Gefolge der süd- und mitteldeutschen Bauernunruhen der 1520er-Jahre erklären. Die Bauern gingen dort  bekräftigt durch Luthers Schriften gegen ihre angestammten Herrschaften vor. Einer der Hauptherde lag in Waldshut. Dort führte der Geistliche Balthasar Hubmaier die Reformation ein, wurde aber immer radikaler und zählte schliesslich zu den Begründern der Täuferbewegung.
1525 wurde auch die Stadt Klingnau von der eidgenössischen Tagsatzung aufgefordert, sich gegen die reformatorisch-täuferischen Einflüsse aus dem süddeutschen Raum zu stellen und «by alter cristanlicher ordnung und satzung» zu bleiben. Doch Balthasar Hubmaiers Wiedertäuferbewegung griff bald von Waldshut auf Klingnau und weitere Gebiete über, wie Zeugenaussagen in Zürcher Täuferprozessen belegen. Mehrere Klingnauer waren offenbar in Waldshut unterrichtet und dann getauft worden. Sie gehörten zu den eifrigsten Verbreitern dieser fundamental religiösen Bewegung mit Ausstrahlung vor allem ins Zürcher Gebiet und in die Ostschweiz.

Beispiele dafür sind:

  • 1525 erklärte Uli Hottinger von Hirslanden, dass er die Erwachsenentaufe von einem Heinrich Aherli bei Klingnau, dieser wiederum vom bekannten Jörg Cajacob, genannt Blaurock, empfangen habe.
  • Den Klingnauer Wollweber Hans Cüntzi, dessen gleichnamiger Sohn ebenfalls Täufer war, hatte der Waldshuter Uli Teck getauft. Er wirkte in Oberglatt und hatte einen «Anhang» von rund 40 Personen. 1529 erschien er als Täuferlehrer in einer Versammlung zu Regensberg und taufte noch 1531 die Frau Heinrich Schmids von Kloten.
  • Hans Nagel von Klingnau verbreitete erfolgreich die täuferische Lehre im St. Gallischen. Von seinen Gegnern wurde er als Mann beschrieben, der das Volk verführe und zu argen Verwirrungen verleite. Nach seiner Auslieferung an Luzern wurde er 1525 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im vorgängigen Verhör erwähnt er Mathias Nagel, den Schulmeister von Klingnau, als einen seiner Weggefährten.
  • Im gesamten Gebiet der Grafschaft Baden entstanden verschiedene kleine Täufergemeinden. Verhaftete schworen der Täuferei ab und wurden wieder freigelassen.

Im Badener Religionsgespräch (Badener Disputation) der Inneren Orte von 1526 wurde beschlossen, beim alten Glauben zu bleiben und jeden Abfall davon zu bekämpfen.

Reformatorische Spannungen nach 1528

Nach der Reformation des bernischen Herrschaftsgebietes 1528 schlossen sich die reformierten und die katholischen Orte zu gesonderten Bündnissen zusammen, die sich schon bald im Ersten Kappeler Krieg  bekämpfen sollten. Im 1. Kappeler Landfrieden (1529) wurde festgelegt, dass in den zugewandten Orten und in den gemeinen Herrschaften die Kirchgemeinden autonom über das religiöse Bekenntnis entscheiden durften.  Die reformierten Orte Zürich und Bern versuchten dennoch, Klingnau auf ihre Seite zu ziehen, doch die Haltung der Stadt war uneinheitlich.

Zürich versuchte nun über eifrige Anhänger in Klingnau, eine Abstimmung über die Glaubensrichtung abhalten zu lassen. Im Dezember 1529 wurde diese durchgeführt und zwar im Beisein von Abordnungen aus den Gemeinden Döttingen, Würen- lingen und Koblenz. Nach der Frühmesse hielt Leutpriester Heinrich Schulmeister eine Predigt, in der er die Lehren von Luther, Karlstadt, Zwingli, Ökolampad und des Balthasar Hubmaier in Waldshut besprach und zur Bewahrung des alten Glaubens riet, wenigstens für so lange, «bis eine Einigkeit gemacht würde von ganzer oder gemeiner Christenheit». Dann verlas Schulmeister Rüedlinger den Landfrieden, der den Kirchgemeinden der Gemeinen Herrschaften die freie Wahl der Konfession zusicherte.
Nach ausführlicher Diskussion und einer geschickten Argumentation des bischöflichen Vogtes Hans Grebel, der Formulierungen der Reformatoren aufnahm, wie etwa, dass künftig der Leutpriester «das Evangelium, alt und nüw Testament mit samt den Propheten und was die hl. Gschrift im Grund inhalte» verkünden solle, jedoch vorbehalten, «dies mit allen üsserlichen Dingen, wie man das hishar in der christlichen Kilchen gebrucht und by dem alten Glouben (…) blyben söllt».

Als man schliesslich zur Abstimmung kam, fiel das Ergebnis für die Neugläubigen ernüchternd aus, nur 30 Personen begaben sich in den Chor (=Befürworter der Reformation), mehr als 200 blieben im Schiff (=Gegner der Reformation).

Über den Entscheid der Gemeinde Klingnau war Zürich erbost und versuchte, eine neue Abstimmung zu erzwingen mit dem Verweis, die Kirchgenossen seien von den anwesenden Mönchen unter Druck gesetzt worden. Doch der Rat von Klingnau beharrte auf der Entscheidung.

Die Situation beruhigte sich nicht. Als Reformierte im benachbarten Döttingen Zürich Anfang 1530 um einen Prädikanten baten, beschuldigten sie Vogt und Rat in Klingnau, gegen die Reformation aktiv zu sein. Zürich warnte Klingnau eindringlich, die Döttinger nicht an der «Installation» eines Predigers zu hindern. Nun mischte sich der Landvogt von Baden ein. Er erinnerte die Döttinger an den für alle Pfarrgenossen verbindlichen Beschluss der Kirchgemeinde vom Dezember. Die Einsetzung eines Prädikanten verstosse somit gegen den Landfrieden. Würden sie sich nicht an die Mehrheitsentscheidung halten, würden die Rädelsführer hart bestraft. Vogt und Rat riefen gleichzeitig den Schutz der in Luzern versammelten Tagsatzung an und anerboten sich, den Streit um den Prädikanten vor den regierenden Orten rechtlich beurteilen zu lassen. So ging es die folgenden Monat und Jahre weiter.

Die Wende des 2. Kappeler Landfriedens (November 1531)

Die Wende nach dem 2. Kappeler Landfriedens  vom November 1531  bestand darin, dass die reformierten Gemeinden (z.B. Tegerfelden, Zurzach) zwar reformiert bleiben durften, aber auch zum alten Glauben zurückkehren konnten. Neuerdings war es nun auch Einzelpersonen erlaubt, wieder katholisch zu werden, sodass bereits für wenige Gläubige die Messe wieder eingeführt werden musste. Zudem mussten nun der reformierte Prädikant und der katholische Priester sich die Einkünfte der Pfarrei teilen.

Nach dem 2. Kappeler Krieg war die bereits vorher berits geringe Zahl von Reformierten in Klingnau weiter geschrumpft. 1534 lebten noch 12 neugläubige Personen (Familien?) hier. Die katholischen Landvögte in Baden versuchten in der Folge ständig, diesen kleinen verbliebenen Rest Reformierter zu vertreiben bzw. zur Auswanderung zu zwingen, was letztlich erst gegen Ende des Jahrhunderts gelang.