Reformationsgeschichten Gränichen - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Gränichen

Die reformierte Gränichen ist eine der ersten Kirchen im Aargau, die in der typisch reformierten, französisch-hugenottisch beeinflussten Predigtsaalarchitektur im 17. Jahrhunderts (1663) gebaut wurde. Sie gilt als eines der Hauptwerke des protestantischen Sakralbaus in der Schweiz.
Es finden sich vor allem über Priesterpersönlichkeiten der Reformationszeit einige interessante Quellen. Auch die Schwierigkeiten der reformierten Prädikanten in den ersten (unruhigen) Jahrzehnten nach der Reformation werden thematisiert. Anhand der seit 1533 erhaltenen Kirchenrechnungen können das Leben und die Aufgaben der Kirchgemeinde nachgezeichnet werden.


Einleitende Bemerkungen

Etwas mehr als 50 Jahre nach dem gewaltsamen Übergang an die Stadt Bern (1415) wurde in Gränichen um 1473 ein bedeutender Kirchenneubau in Angriff genommen. Ein weiteres halbes Jahrhundert später kam es mit der Berner Reformation von 1528  auch im bernischen Herrschaftsgebiet zur fundamentalen Umwälzung im kirchlichen Bereich. Nach Jahrhunderten ersetzte man in Gränichen die romanische Kirche durch einen spätgotischen Bau, um den gestiegenen Platzbedürfnissen Rechnung zu tragen, aber auch, um veränderte Vorstellungen nach aussen sichtbar zu machen.

Bis Anfang des 14. Jahrhunderts war Gränichen eine Tochterpfarrei der Kirche Suhr gewesen. Dann wurde sie selbständig. Die 1663 von Abraham Dünz erbaute Pfarrkirche, durch welche das mittelalterliche Gotteshaus von 1473 nach einem teilweisen Einsturz ersetzt wurde, gehört zu den Hauptwerken des protestantischen Kirchenbaus im Aargau und stellt eine gelungene Verbindung zwischen reformiertem Predigtsaal und dem damals vorherrschenden Barock dar.

Besondere Pfarrer als Vorboten und Gestalter der Reformation

Auch in Gränichen zeigen die Quellen in den Jahrzehnten vor der Reformation die eine oder andere spezielle Priesterpersönlichkeit, die nicht mehr dem Idealbild eines katholischen Priesters entsprach. Aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist eine eigentliche «Priesterdynastie» bekannt, aus der mehrere Vertreter in Gränichen das Pfarramt innehatten. Dies ist aussergewöhnlich, weil die katholischen Priester eigentlich zum Zölibat (Ehelosigkeit) verpflichtet waren, oftmals jedoch gegen diese kirchliche Vorschrift verstiessen. Gegen Bezahlung einer Geldstrafe an den Bischof erhielten diese Priester sozusagen die kirchliche Duldung ihrer Fehltritte. Anders ausgedrückt, die uneheliche Geburt eines Priestersohns, die ihn nach den Vorschriften des kanonischen Kirchenrechts vom Priesteramt ausschloss, konnte mit Geld aufgehoben werden.

Ulrich Imgraben war seit 1471 bis zu seinem Tod im Jahr 1510 Leutpriester in Gräni-chen, zeitweise auch Kaplan in Aarau und Chorherr in Schönenwerd. Imgraben hatte zwei Söhne, die beide Priester wurden und zeitweise das Gränicher Pfarramt bekleide-ten. Rudolf Imgraben war nach 1509 Pfarrer in Gränichen geworden. Nach seinem Tod im Jahr 1520 trat sein Bruder Johannes (†1566) für zwei Jahre die Amtsnachfolge an, bevor er 1522 mit dem Zofinger Propst Balthasar Spentziger tauschte und die Pfarrei Uffikon im Luzernischen übernahm.

Balthasar Spentziger dürfte ein unehelicher Sohn des Stanser Leutpriesters Kaspar Spentziger gewesen sein. In seinem Lebenswandel zeigen sich die Widersprüche der Zeit und die Reformbedürftigkeit der Kirche. Im Jahr 1519 wurde er Chorherr in Zofin-gen, 1521 Probst daselbst und 1522 Rektor in Gränichen, wo er jedoch von der Resi-denzpflicht befreit war. Er wird als Geisterbanner, Teufelsbeschwörer und Wahrsager bezeichnet. Der Bischof von Konstanz liess ihn 1526 wegen Teufelsbeschwörung und Konkubinat verhaften. Erst 1528 wurde er nach mehrmaligen Appellen Berns an den Bischof wieder freigelassen. Es scheint, dass er ein Schützling der Gnädigen Herren in Bern war. Nach der Reformation von 1528 erwarb Spentziger die Burg Schwandegg bei Stammheim, wo er um 1536 verstarb. Der Berner Chronist Valerius Anshelm (1475–1547) meinte dazu: Er (Spentziger) habe im Thurgau, «die alte öde Burg Swan-degk erkauft und sich mit sinem Êwip dahin gesetzt, verborgen Schätz ze finden; hat da den Tod funden».

Nach der Verhaftung Balthasar Spentzigers trat der Zürcher Jakob Edlibach an seine Stelle. Da er als Reformationsgegner die 10 Schlussreden nicht unterschrieb, wurde er abgesetzt und zog nach Kriegstetten, wo er weiter als katholischer Priester tätig war.

Am 13. Januar 1528 unterschrieben Hans Buchser als Kirchherr zu Suhr und sein Ka-plan Werner Hug die 10 Schlussreden der Disputation. Bereits am 23. März wurde der bisherige Suhrer Kaplan – der aus Aarau stammende Werner Hug – vom Berner Rat zum neuen Prädikanten in Gränichen gewählt. Ganz sich war man sich der Qualifikati-on des ehemaligen Priesters und jetzigen reformierten Pfarres nicht. Im enstprechen-den Brief ist nämlich zu lesen, der Rat sei «guter Hoffnung, [dass] er zuo sollicher Ver-sächung gnuogsam und togenlich sye, und nützit anders handlen werde, dann einem getrüwen hirten zustat, und also die Kilchgnossen daselbs mit christenlicher Leer und guotem Vorbild unterwysen und leyten werde, dadurch dieselben ime vertruwten Schäfli christenlich geweydet, die Stimm des waren Hirten, das ist Christi Jesu, unsern Heilandes, hören, und darnach ir Läben richten.» Sollte Werner Hug sich aber nicht an die Vorgaben halten, soll er über kurz oder lang wieder abgesetzt werden.

Bereits 1533 trat Werner von Rüthe als Gränicher Pfarrer sein Amt an. Er blieb bis 1549, verliess dann aber im Streit die Gemeinde. Dafür wurde er vom Oberchorgericht in Bern gerügt.

Auch mit den weiteren Prädikanten hatte es die Kirchgemeinde Gränichen bis zum Ende des Reformationsjahrhunderts nicht immer leicht. Nach Christoffel Weissmüller und Johannes Sarch kam 1560 der Zofinger Lateinschulmeister Johann Ulrich Ragor für sechs Jahre nach Gränichen,  bevor er wieder nach Zofingen wechselte. Dort wurde er wegen der Beteiligung an einem Messerstechereihandel (ein Mitglied des Kleine Rates war erstochen worden) 1573 nach Herzogenbuchsee versetzt.

Adam Reiff, der fast 30 Jahre in Gränichen amtierte, wurde 1593 wegen Ehebruchs (er war damals auch Dekan) seines Amtes enthoben. Er scheint sich daraufhin einige Jahre in Aarau aufgehalten zu haben (er wurde 1596 Aarauer Bürger). 1597 schliesslich erhielt er wieder ein Amt, dieses Mal in Birrwil.

Der Weibergulden – ein katholisches «Geschenk» an die reformierten Nachfahren

Als «Vorboten der Reformation» (und vielleicht in abgeschwächtem Mass auch als Reaktion der hiesigen Bauernschaft auf die Bauernaufstände der 1520er-Jahre) sind Versuche der lokalen Bevölkerungen zu sehen, etwa Zehntabgaben nicht mehr zu entrichten. Die Abschaffung des Zehnts war ja eine der Hauptforderungen der radikal-reformatorischen Täuferbewegung!
So geschah es auch in Gränichen, wo die Kirche seit 1521 dem Stift Zofingen gehörte. Beim Verkauf wurde eine interessante Zusatzklausel in die Urkunde eingefügt. Sie besagte, dass der Inhaber der Pfarrei (damals Pfarrer Imboden) wie bis anhin die Ein-künfte der Pfarrkirche selber beziehen könne. Dafür sollte er jährlich 24 Gulden nach Zofingen entrichten, wovon einer jedes Jahr den «Wybern zu Gränchen zu vertrincken ... gegönt» sei. Dieser «Weibergulden» und das damit angerichtete «Unheil» sollten im sittenstrengen 17. Jahrhundert noch zu einiger Aufregung unter den reformierten Pfarrherren führen.
Ein ähnlich gottloses Testament – beklagte 1682 der damalige Pfarrer – da eine gewüsse Weibsperson den Weiberen (…) 1 Mütt Kernen alle Jahr uf den Neüw Jahrs Tag zu versauffen vergabet, woraus allerhand Gottlosigkeiten, Schmähungen, Schlägereien und anderes mehr hervorgegangen sei.

Zurück zur Reformationszeit. Weil nun das Stift Zofingen nach dem Tod von Pfarrer Imboden (1522) plötzlich die Abgaben wieder in Naturalien statt in Geld beziehen wollte, gingen die Kirchgenossen in Gränichen und Kulm (dessen Kirche auch zum Stift Zofingen gehörte) dagegen vor. Der bereits erwähnte Balthasar Spentziger behielt das alte Regiment bei und rechnete weiterhin in Geld ab.
Nun traten weitere typisch vorreformatorische Spannungen zwischen Bevölkerung und kirchlicher Obrigkeit auf. 1525 weigerten sich die Kirchgenossen von Gränichen und Kulm, dem Stift Zofingen den schuldigen kleinen Zehnten und die Fastnachtshühner abzuliefern. Die Klage wurde zugunsten des Stiftes entschieden. Ruhe scheint nicht eingekehrt zu sein, denn auf die Offerte des Stiftes Zofingen an die Stadt Aarau von 1527, das Gränicher Kirchenpatronat zu übernehmen, kam von dort die ablehnende Antwort mit der Begründung, Kirchen brächten heutzutage «merteils Unruow».

Täufer in Gränichen

Die Pfarrei Gränichen ist im Blick auf die Täufer ein kaum beschriebenes Blatt. In der grossen Quellensammlung zur Täufergeschichte liegt nur ein einziger Vermerk vor, der für das Jahr 1525 auf einen gewissen «Werner aus Gränichen» hinweist. Dieser war offenbar ein Mitglied in der Gemeinde des Aarauer Täuferpredigers Pfistermeyer, der in einem weiten Umkreis der Stadt Aarau zu dieser Zeit viele Anhänger hatte.