Reformationsgeschichten Erlinsbach - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Erlinsbach

Erlinsbach ist ein gutes Beispiel für eine Grenzgemeinde mit geteilten Zuständigkeiten nach der Reformation von 1528, d.h. Einflüssen von reformierter (BE) und katholischer (SO) Seite auf das kirchliche Leben in der Gemeinde. Die Reformationskirche von 1565 verweist auf interessante Aspekte reformatorischer Vorstellungen. Auch hier sind Täufer (wie in vielen Grenzgemeinden) vermehrt anzutreffen und meist auch bekämpft worden.


Einleitende Bemerkungen

Die reformierte Kirche Erlinsbach ist 1563–1565 im Rahmen der stadtbernischen Reformationsbemühungen neu errichtet worden. Der Ort liegt in einem historisch interessanten Einfluss- und Grenzgebiet. Dem (heute) aargauischen Erlinsbach standen jenseits der (heutigen) Kantonsgrenze die solothurnischen Gemeinden Obererlinsbach und Niedererlinsbach gegenüber (2005 zu Erlinsbach/SO fusioniert). Die Grenze zwischen den beiden Gemeinden, die zugleich die Kantonsgrenze darstellt, verläuft entlang dem Erzbach. Zur Zeit der Reformation verlief hier die Grenze zwischen den beiden eidgenössischen Orten Bern und Solothurn.

Kirchen in Grenzsituationen (geografisch, politisch, religiös) verfügten schon immer über eine besonders interessante Geschichte.

Vor der Reformation

In Erlinsbach existierte an der Stelle, wo sich heute in Niedererlinsbach die römisch-katholische Pfarrkirche St. Nikolaus befindet, seit mindestens einem halben Jahrtausend vor dem Bau der reformierten Kirche (1565) ein Gotteshaus. Bis 1349 besass das Kloster Einsiedeln den Kirchensatz, also das Recht, den Priester für die Pfarrei zu bestimmen. Aus finanzieller Not verkaufte der Abt von Einsiedeln 1349 den Kirchensatz und die niedere Gerichtsbarkeit an das Frauenkloster Königsfelden, das nach der Reformation und der damit erfolgten Klosteraufhebung in ein von Bern verwaltetes Amt umgewandelt wurde.
Ganz Erlinsbach sowie Küttigen waren im 13. und 14. Jahrhundert Bestandteil der Herrschaft Königstein. In ihr übten die Herren von Kienberg weitgehende Rechte aus. Bis 1408 waren die Habsburger hier Oberlehensherren, danach die Stadt Aarau und schliesslich 1454 die Johanniterkommende in Biberstein.  Damals kam ein Teil der Herrschaft (rechts des Erzbachs) über die Freien von Falkenstein an den eidgenössischen Ort Solothurn. Aus den Gebieten links des Erzbachs bildete Bern in der Reformationszeit die Landvogtei Biberstein (Erlinsbach, Biberstein, Küttigen). Die rechtliche Situation im Bereich von Erlinsbach blieb verworren. Sowohl Bern als auch Solothurn besassen Rechte, Einkünfte und Güter im Gebiet des jeweils anderen eidgenössischen Ortes. Dies sollte vor allem im Umfeld der Reformation zu grossen Problemen und heftigen Auseinandersetzungen führen.

Die Reformation

In den 1520er-Jahren begannen sich auch in den Eidgenössischen Orten reformatorische Gedanken auszubreiten. Während Bern 1528 als Folge der Grossen Berner Disputation und nach langem Zögern im gesamten Herrschaftsgebiet die Abkehr vom katholischen Glauben anordnete, blieb die Lage im solothurnischen Gebiet unklar. Sowohl in der Stadt wie auch in den Dörfern der Landschaft hielten sich Alt- und Neugläubige etwa die Waage. Bei einer Volksbefragung 1529 wollte Erlinsbach noch ausdrücklich katholisch bleiben. Bereits vier Wochen später jedoch hatte die Meinung der Bevölkerung gedreht.
Da Bern das Pfarrbesetzungsrecht der Erlinsbacher Kirche besass, obwohl diese in solothurnischem Hoheitsgebiet lag, wurde nun ein reformierter Prädikant eingesetzt. Zuerst war dies Daniel Räber, der bereits 1529 vom ehemaligen Leutpriester von Lostorf, Heinrich Brügger, abgelöst wurde. Dessen lange Amtszeit von 1529–1563 erwies sich als konfliktträchtig. So kam es zu Beginn seiner Tätigkeit in der St. Nikolaus-Kirche zum «Bildersturm», bei dem – gegen den ausdrücklichen Willen der Stadt Solothurn – alle Altäre, Bilder und Kultgegenstände entfernt wurden.
Mit dem Tod Heinrich Brüggers schien der Weg frei geworden zu sein, die religiösen Auseinandersetzungen um die Erlinsbacher Kirche zwischen Bern und Solothurn zu bereinigen.

Der späte Bau der reformierten Kirche

Im Januar 1563 erteilte der Rat der Stadt dem Landvogt von Biberstein und dem Hofmeister von Königsfelden den Auftrag, einen geeigneten Bauplatz für die Errichtung einer neuen Kirche zu suchen und das Projekt umzusetzen, worauf innerhalb von nur zwei Jahren der neue Kirchenbau als einfacher, chorloser Predigtsaal (der erste dieser Art im Aargau) umgesetzt werden konnte.
Doch wegen eines erneut aufflackernden Streits mit Solothurn blieb die neue Kirche nach ihrer Fertigstellung von 1565 bis 1579 unbesetzt. Das heisst, es war kein Pfarrer vor Ort, und die Kirche wurde offensichtlich kaum genutzt. Als Seelsorger amteten während dieser Vakanz die Pfarrherren und Helfer von Aarau und Suhr.
Es macht den Anschein, dass die reformierte Kirchgemeinde Erlinsbach erst 1580 mit dem Prädikanten Tobias Blauner ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Darauf weist der am 17. Januar 1580 mit der Taufe von Heinrich Käser einsetzende Taufrodel hin.

Details zum Streit zwischen Bern u. Solothurn aus den Berner Ratsmanualen…

Bern schlägt Solothurn vor, die Predigt und Messe (in der alten katholischen Kirche) nacheinander ergehen zu lassen, oder aber das Pfrundgut zu teilen und eine neue reformierte Kirche zu bauen. Solothurn will auf der Kollatur beharren. (27.2.1563).

Solothurn soll Bern gestatten, einen anderen Prädikanten zu setzen, da der alte gestorben sei. (6.3.1563).

Bern macht nochmals einen Pfrundteilungsvorschlag. (8.2.1564)

Die Geistlichen zu Bern sollen einen Prädikanten nach Erlinsbach wählen (kommt nicht zustande, Solothurn weigert sich). (27.2.1566)

Der Helfer (Hilfspfarrer) von Aarau tue wohl, einmal wöchentlich in Erlinsbach zu predigen (was er wohl zeitweise nicht getan hatte!). (27.2.1566).

Die beiden Prädikanten zu Aarau beschweren sich, weiterhin die Kirchgenossen zu Erlinsbach zu versehen. Die Gnädigen Herren seien bedacht, dorthin endlich einen eigenen Prädikanten zu setzen. (17.9.1576).

Nach der Teilung des Kirchengutes und dem Kirchenbau geht der Streit weiter. Der kath. Geistliche zu Erlinsbach, Jodocus Bitzius, hatte eine böse Rede ergehen lassen, worüber viele Tagsatzungen mit Solothurn abgehalten werden mussten. Solothurn bittet 1585 für den fehlbaren katholischen Geistlichen um Schonung, er sei betrunken gewesen, sei arm und nichts zu holen bei ihm. Die Äusserungen des Priesters sollen gewesen sein: «Man habe der underen kilchen zuo Ärlisbach genommen und der oberen zuogeleggt, welches nit änderst sye, dann so man einer frommen frouwen nimpt und es einer huoren gibt.« (12.3.1585).

Reformiert oder katholisch? – Die Obrigkeit entscheidet!

Das Gebiet von «Gross-Erlinsbach» war kirchlich an die St. Niklaus-Kirche gebunden.  Diese lag, weil rechts des Erzbaches, im solothurnischen Einflussgebiet, aber den Pfarrer durfte Bern bestimmen. Diese komplizierte Rechtslage ging auf das alte Kirchensatz-Recht des Klosters Königsfelden zurück. Dieses Recht fiel an Bern, als 1528 mit der Reformation im bernischen Herrschaftsgebiet die Klöster aufgehoben worden waren.

Bereits vor der Ausrufung der Berner Reformation im Februar 1528 gerieten Bern und Solothurn wegen der unterschiedlichen Auslegung der Religion aneinander.  So schrieb der Rat der Stadt Bern am 30. September 1527 an den Solothurner Rat, sie sollten gefälligst dafür sorgen, dass die Leute rechts des Erzbaches nicht an den Feiertagen arbeiteten, die Bern angesetzt habe. Damit würden die Solothurner  «die unsern daselbs etlicher gestalt schmützen [=beschimpfen] und verachten».

Nach der Reformation (1528) und dem auch in der katholischen Kirche von Erlinsbach veranstalteten Bildersturm erinnerte sich Solothurn an einen der Hauptverursacher – den ab 1529 in Erlinsbach amtierende reformierten Pfarrer und ehemaligen katholischen Leutpriester von Lostorf Heinrich Brügger. Im Jahr 1532 liess ihn der Vogt von Gösgen, zu dessen Gebiet Erlinsbach rechts des Erzbachs gehörte, inhaftieren. Erst auf Intervention von Bern kam er wieder frei.
Auch nach dem Bau der neuen Kirche 1565 blieb das Verhältnis zwischen Bern und Solothurn gespannt. Nur so lässt sich die Vakanz der reformierten Pfarrstelle erklären, die immerhin 16 Jahre (1563–1579) andauerte und erst mit der Wahl des Prädikanten Tobias Blauner im September 1579 endete.

Eine endgültige Bereinigung der gegenseitigen Verhältnisse zwischen Solothurn und Bern (Grenze, Zuständigkeit, Einkünfte) wurde erst im Wyniger Vertrag von 1665 erreicht.

Sprechende Buchumschläge

Im Erlinsbacher Gemeindearchiv finden sich mehrere Kirchenbücher, die mit beschriebenen Pergamentbögen eingefasst worden sind (Pergamentmakulatur). Bei diesen Einbindebögen handelt es sich meist um Bestandteile von Büchern, die im 15. Jahrhundert in lateinischer Sprache verfasst worden sind und aus katholischer Zeit stammen (z. B. Messbücher). Sie waren nach der Reformation von 1528 aus den Pfarrhäusern und den Kirchen entfernt worden.
Dass sich solche Pergamentmakulaturen in vielen Gemeinden meist bei reformierten  Kirchenbüchern (Kirchenrechnungen, Chorgerichtsmanualen und Tauf-, Ehe oder Totenrödeln) finden, weist nicht nur auf die Sparsamkeit der reformierten Pfarrherren (Recycling von Pergament) hin, sondern auch auf eine gewisse Herabwürdigung der als wertlos erachteten katholischen Kirchenbücher, die damit  zum Ausdruck gebracht worden ist.