Reformationsgeschichten Brugg - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Brugg

Brugg ist ein gutes Beispiel für die Reformationsgeschichte einer Kleinstadt im Konflikt mit ihrem Umland. Während Brugg – eher konservativ – lange Zeit dem alten Glauben die Treue hielt, sah das bäuerliche Umland in der Reformation eine Möglichkeit, sich zu emanzipieren. Hier wird der Zusammenhang zwischen Bauernkrieg und Reformation (jenseits des Rheins) sichtbar.


Vorbemerkungen

Brugg stellte bereits in römischer Zeit eine Brückensiedlung (daher der Name) dar, die seit dem 11. Jahrhundert den Habsburgern gehörte. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich hier aus einer Marktsiedlung eine Stadt, die spätestens 1284 das Stadtrecht erhielt. 1415 fiel Brugg im Rahmen der «Eroberung des Aargaus» an Bern und teilte fortan als kleine bernische Landstadt das Schicksal der Landesherrin, wozu 1528 auch die hier interessierende Annahme des reformierten Glaubens auf bernischen Druck hin gehörte. Die freie Pfarrwahl erhielt Brugg erst nach zähem Ringen 1558 von Bern zugestanden. 

Die Zeit vor der Reformation – erste Anzeichen

Brugg hatte wenige Jahre vor der Reformation die Stadtkirche nochmals kräftig ausgebaut und diese 1518 eingeweiht. Damals wirkten acht Geistliche in der kleinen Stadt. Im Gegensatz zur reformierten Kirche war jeder Altar der katholischen Kirche und ebenso jede Kapelle mit einem Geistlichen versehen.

Wie die Ideen der Reformation nach Brugg gelangt sind und in welchen Kreisen sie sich zuerst verbreitet haben, ist kaum belegt. Aber es ist offensichtlich, dass hier wirtschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen von Brugger Burgern zu grösseren Städten sowie Kontakte der Bildungseliten (also auch der Geistlichen) einen Einfluss gehabt haben. Der Leutpriester der Stadt begann offenbar schon früh in reformatorischem Sinn zu predigen. Direkte Folge war die rasante Abnahme des Kirchenopfers von 200 Pfund (1519) auf 42 Pfund (1522). Das Kloster Königsfelden war nicht bereit, die Verluste auszugleichen, weshalb schliesslich die Stadt die Pfrund finanziell aufbessern musste.

Berns Reaktion – Glaubensmandate

1523 erliess Bern, zu dessen Herrschaftsgebiet Brugg seit 1415 gehörte, das Erste Glaubensmandat (Juni 1523), um der wachsenden Unruhe im Klerus und in der Bevölkerung zu begegnen. Doch die dort den Predigern vorgeschriebene «Verkündigung der lauteren Wahrheit der Bibel», womit eigentlich die katholische Kirche hätte geschützt werden sollen, wurde mehrheitlich sogar als Aufforderung zur Reformation aufgefasst.

In diese Zeit fallen auch die Auflösungserscheinungen des benachbarten Frauenklosters Königsfelden. Dort beriefen sich einige Nonnen auf die Paulusbriefe und lehnten ihren Stand ab. Dem Visitator des Ordens, der im August 1523 das Kloster besuchen wollte, wurde der Besuch verweigert. Bern musste schliesslich den Klosterfrauen zugestehen, selber über ihren Stand entscheiden zu dürfen. In der Folge verehelichten sich Nonnen, andere traten aus dem Kloster aus. Ihr ins Kloster eingebrachtes Gut durften sie mitnehmen. Die wertvollen Stücke der Schatzkammer (Messbecher, Kruzifixe etc.) nahm Bern an sich.

1524 spitzte sich der Konflikt innerhalb der Eidgenossenschaft zu. Die Fünf Orte (Waldstätte, Luzern, Zug) verlangten von Bern eine klare Stellungnahme. Bern griff nun zum Mittel der Volksbefragung. Die rechtsfähigen Männer wurden ämterweise zusammengerufen und über ihre Haltung zu den reformatorischen Themen befragt. Die Ämter entschieden sich mehrheitlich für die Beibehaltung des katholischen Glaubens.

Bern erliess nun das Zweite Glaubensmandat (November 1524), in welchem die kirchlichen Einrichtungen klar und deutlich geschützt wurden. Dazu gehörte auch das entschiedene Vorgehen gegen die Priesterehen.  So sollte beispielsweise in Brugg der Kaplan Johannes Ragor, der offenbar mit einer Frau in verdächtiger Weise zusammenlebte, an den Dekan gewiesen werden. Nach der erfolgten Entlassung aus dem Amt sollte der Kaplan dann die erwähnte «Jungfer» ehelichen.

Im Jahr 1525 sind Auswirkungen des Deutschen Bauernkrieges auch im Umfeld der Stadt Brugg (Schenkenberg, Schinznach, Villigen etc.) spürbar, etwa in der Weigerung der Bauern, althergebrachte Abgaben an die Kirche abzuliefern.  Zudem sollen Priester der Region nach Waldshut und nach Zürich gegangen sein, um sich dort vom von Balthasar Hubmaier («…zuo dem Doctor gan Waltzhut…») und Huldrich Zwinglich («…und etlich zuom Zwingli gan Zürich…») theologisch beraten zu lassen. Nachdem die Priester zurückgekommen seien, hätten sie zudem damit begonnen «…ein Wächsel mit einandern [zu machen], also dass einer hüt in dess Kilchen und dannach hinwiderumb der ander in desselben Kilchen sölle predigen». Sowohl die Weigerung, Abgaben an die Kirche zu entrichten, als auch das externe Predigen ausserhalb der eigenen Pfarrei, verbot Bern strikte.

Mit dem Dritten Glaubensmandat (April 1525) sollte die Lage beruhigt werden, indem die katholische Kirche geschützt, der Nutzen der kirchlichen Abgaben dargelegt und die Priesterschaft verstärkt der bernischen Kontrolle unterstellt wurden. Doch die Unruhe auf dem Land nahm weiter zu, was die Landesherren veranlasste, Truppen aufzustellen, die Städte zusätzlich zu bewaffnen (auch Brugg) sowie Archive und Klosterschätze in Sicherheit zu bringen. Doch die Landschaft verzichtete auf einen offenen Disput und übermittelte ihre Beschwerden schriftlich an die Obrigkeit. Hier wird unter anderem auch eine Spannung zwischen Brugg und den Dorfschaften im Amt Schenkenberg sichtbar. Bern ging nach langer Verzögerung kaum auf die Forderungen ein und bestätigte die alten Rechte.

Brugg in angespannter Situation

In Brugg selber verweisen zwei Ereignisse auf die religiös-konfessionell gespannte Situation. Einem Knecht, der die heilige Maria Magdalena als Hure beschimpft hatte, verhalf sein Meister zur Flucht, als er verhaftet werden sollte. Später nahm er den Flüchtigen gegen den Willen des Rates wieder bei sich auf. Deshalb wurde der Schneider Marti Zulauf mit einer hohen Geldstrafe von 40 Pfund belegt.

Gegen den Leutpriester Matthäus Hiltprand erhoben sich Klagen, er predige immer reformatorischer. Daraufhin wurde Hiltprand anfang 1526 entlassen und fand eine neue Stelle im solothurnischen Oltingen.

Ende 1525 trafen nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes Flüchtlinge ein, unter denen sich auch Täuferlehrer befanden.

1526 hielt Bern eine erneute Ämterbefragung ab. Dieses Mal waren die Antworten ausweichend und häufig unbestimmt, was doch auf einen Sinneswandel hindeutet. Brugg beklagte sich über die gefährliche Uneinigkeit, die aus den konfessionellen Fragen entsprungen waren. Wie in vielen Ämtern wurde die Entscheidung über den richtigen Glauben Bern überlassen. Doch Brugg tendierte eher zur Beibehaltung des alten Glaubens, um die Eidgenossen nicht zu verärgern, während das Umland (Königsfelden, Schenkenberg) Bern lieber mit dem reformierten Zürich verbündet sah, zumal die Landesherrin per Mandat garantiert hatte, dass jeder glauben soll, was er verantworten könne.

Im Mai 1526 wurde in Baden ein Glaubensgespräch abgehalten, an dem Zwingli nicht teilnahm, und die wenigen anwesenden reformierten Vertreter dem Gros der prominenten katholischen Redner nicht gewachsen waren. Zürich und Basel als nunmehr reformierte eidgenössische Orte wurden im Juli 1526 von der Beschwörung der Bünde ausgeschlossen. Bern leistete den Eid, hatte sich also noch nicht endgültig für die eine oder andere Seite entschieden.

Zum Umschwung kam es, als die Akten der Badener Disputation gedruckt werden sollten. Bern wurde die Herausgabe einer Kopie der Protokolle verweigert, und es zog sich zurück. Weitere Einmischungsversuche der sieben (katholischen) Orte in bernische Religionsangelegenheiten verschärften die Lage weiter. 1527 errangen die reformationsfreundlichen Kreise auch in den Wahlen für den Kleinen Rat die Mehrheit, im Grossen Rat besassen sie diese bereits.  Das eher altgläubig gesinnte Städtchen Brugg verlor nun seinen Einfluss in Bern in laufenden Streitfällen mit dem Umland (Kampf um den Reinerberg).

Im Gegensatz zum Umland hielt Brugg auch 1526 noch am alten Glauben fest. In diesem Jahre wurde - wie oben erwähnt - der amtierende (reformatorische) Leutpriester durch einen Altgläubigen ersetzt, ebenso wie andere Personen der Brugger Geistlichkeit. Bei einer weiteren bernischen Umfrage, dieses Mal über die Priesterehe, im September 1527 (der Berner Grosse Rat hatte diese erlaubt),  war Brugg eines von 18 verwerfenden Ämtern, während Schenkenberg zu den 9 befürwortenden zählte.

Die endgültige Wende  – die Berner Disputation 1528

Im Herbst 1527 erhob sich während der Predigt ein Bauer aus Veltheim und bezichtigte den Leutpriester, er verwende die Bibel nicht richtig. Der gleiche Bauer zeigte darauf den Prediger bei den bernischen Amtleuten an, da schriftwidrige Predigten gemäss dem Fünften Glaubensmandat verboten waren. Nach unwirschen Reaktionen Bruggs nahm Bern den Bauern in Schutz. Beide sollten zum geplanten Glaubensgespräch (Berner Disputation von 1528) erscheinen. Als man im Januar 1528 unter grosser Beteiligung zehn Thesen diskutierte, wurde dem Bauern die Gelegenheit geboten, seine Sache zu vertreten, was er offenbar schriftkundig und gut vorbereitet tat. Sein Gegenüber, der Brugger Leutpriester, verweigerte sich jedoch der Diskussion und musste deshalb dem Bauern eine Entschädigung bezahlen.

Zum Abschluss der Disputation billigten die meisten Pfarrpersonen die Thesen. Die Geistlichkeit des Schenkenberger Amtes unterschrieb mit 200 anderen Befürwortern die Glaubensartikel. Die drei Brugger Priester lehnten als Teil von 40 Gegnern die Thesen ab. Damit trat die von Bern verordnete Reformation im bernischen Herrschaftsgebiet in Kraft. Erwähnenswert bleibt die Tatsache, dass Brugger Geistliche ausserhalb ihrer Heimatstadt in Amt und Würden stehend durchaus reformatorischen Eifer an den Tag legten, so etwa der bereits erwähnte Matthäus Hiltprand (in Oltingen), Johannes Sarch in Rein und Kaspar Kessler in Effingen.

Die Umsetzung

Mit dem Berner Reformationsmandat vom 7. Februar 1528 trat die Umsetzung der reformatorischen Neuerungen in Kraft, die unter anderem die Einstellung der Messe und die Entfernung des Kirchenschmuckes vorschrieb.
In Brugg traten Berner Abgeordnete vor die Bevölkerung und verlasen die Reformationsartikel. Die nachfolgende Abstimmung ergab ein minimales Mehr für den alten Glauben. Nun drohte ein ernster Konflikt.
In Aarau, Zofingen und im Amt Eigen sowie der Grafschaft Zofingen und im Amt Schenkenberg stimmte die Bevölkerung der Reformation zu, während die Stadt Lenzburg und eben Brugg katholisch bleiben wollten. Schenkenberger Bauern drohten der Stadt, «durch die Häuser zu laufen». Dies konnte nur durch die Stellung von Geiseln verhindert werden. Einer Abordnung bernischer Amtsleute (Hofmeister von Königsfelden, Landvogt von Schenkenberg u.a.) gelang es schliesslich, den Altgläubigen in Brugg klarzumachen, dass sie durch ihre Auflehnung gegen Bern, die Stadt in Gefahr bringen würden.
Nach einer letzten Messe wurde der Kirchenschmuck sorgfältig und respektvoll aus dem Gotteshaus entfernt und in der Spitalkappelle eingelagert. Ein Bildersturm fand in Brugg also nicht statt.

Ende Februar 1528 wurde das Kloster Königsfelden endgültig geschlossen, nachdem sich auch die Äbtissin verehelicht hatte. Bald darauf wurden die Mönche entlassen (neben dem Frauenkloster existierte auch ein Männerkloster). Die Bilder wurden verbrannt, die wertvollen Objekte nach Bern gebracht.

Die Liquidation der katholischen Ära

Die katholischen Einrichtungen wurden nun liquidiert, das heisst, man entliess die drei Priester, hob die Kaplaneien auf und gab die Stiftungen zurück. Interessanterweise existiert auch hier in Brugg eine Fluchtkunst-Legende. Die Altgläubigen liessen offenbar die in der Spitalkapelle eingelagerten Bilder ins katholische Beromünster bringen. Der (katholische) Reformationschronist Salat schreibt, ein Furhmann aus Münster habe in Brugg angehalten. Dort hätten ihm dann einige Brugger nachts die fraglichen Bilder auf den Wagen geladen und ihm zum Tor hinaus geholfen. Danach sei die kostbare Fracht eilig nach Beromünster verbracht worden. Der (reformierte) Chronist Sigmund Fry stellte lediglich fest, dass die Bilder bei Nacht und Nebel durch verschlossene Türen und Tore entkommen seien. Ihm blieb nur, ihnen Verwünschungen nachzuschicken (…«sie seien des Todes würdig»…).

Und nach der Reformation?

Es dauerte einige Zeit, bis auch in Brugg die reformatorischen Gedanken mehr oder weniger vollständig umgesetzt werden konnten. Bern beschwerte sich 1531 darüber, dass die Brugger der Reformation nicht nachleben würden. Zudem war weiterhin eine gewisse Verbreitung von Täufern zu beobachten, die aber in Brugg weitaus geringere Bedeutung hatten als in den benachbarten Ämtern.

Trotz alledem wurde die Bürgerschaft von Brugg (neben Aarau, Lenzburg und Zofingen) im Reformationszeitalter zu einer zuverlässigen «Lieferantin» von Prädikanten, weshalb es den Beinamen «Prophetenstädtchen» erhielt.