Reformationsgeschichten Brittnau - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Brittnau

Brittnau ist ein gutes Beispiel für die dörfliche Reformationsgeschichte. Es finden sich aus fast allen relevanten Bereichen Quellen, die zur Beschreibung der «Reformation im Dorf» Informationen liefern.


Einleitende Bemerkungen

Das schon früh (924 n. Chr.) erwähnte Brittnau hatte im ehemaligen Landvogteibezirk Aarburg eine besondere Stellung inne. Zum einen bildete das Dorf mit seinen Weilern und Höfen einen eigenen Gerichtsbezirk, zum anderen eine eigene Kirchgemeinde, während alle anderen Dorfschaften in der Landvogtei bis weit in die Berner Zeit hinein zum Gericht Aarburg (Ausnahme Zofingen) bzw. zur Kirchgemeinde Zofingen gehörten. Die Kirche selber geht wohl ins 10. Jahrhundert zurück. Bis 1516, also noch vor der Reformation, erwarb Bern das ganze Gericht, das vorher dem lokalen Adel (Herren von Büttikon) zugestanden hatte. Mit der Reformation von 1528 wurde Brittnau zum Grenzort gegen den katholischen eidgenössischen Ort Luzern.

Reformatorische Vorzeichen in Brittnau

Die Haltung Berns zur Reformation war bis 1528 (Reformationsmandat) zugegebenermassen nicht einheitlich. Mehrfach wurde die Haltung zu reformatorischen Grundfragen geändert. In diesem «Umfeld des Umbruchs»  ereigneten sich reformatorische, manchmal sogar radikal-reformatorische (täuferische) Vorstösse einzelner Priester, die von Bern als Landesherrin wiederum sehr uneinheitlich, also mit mehr oder weniger Repression beantwortet wurden.  Die für eine kleine Kirchgemeinde doch vergleichsweise gehäuft auftretenden Quellenbelege in dieser Sache zeigen eine interessante Reformationsgeschichte (siehe Beilagen 04-04-AKT_Brittnau.pdf / 04-05-TÄU_Brittnau).

Aus Brittnau stammt eines der frühesten Zeugnisse der sich abzeichnenden Reformation im bernischen Herrschaftsgebiet. Im Mai 1522 meldeten Schultheiss und Rat von Bern dem Bischof von Konstanz:
…dass Herr Benedikt Tischmacher, Helfer zu Brittnau in unserer Grafschaft Aarburg, vor vielen ehrbaren Leuten unerhörte seltsame Reden halte und besonders geäussert habe, dass die Abhaltung der Messe durch den Priester niemandem als dem Priester selber und nicht den Lebenden und nicht den Toten nütze. Die Messe sei zudem nicht ein Opfer sondern ein Testament, wer dagegen rede, sage nicht die Wahrheit.
Diese Äusserungen gefallen uns gar nicht, weil sie nichts anderes bewirken als Irrtum, Streit, Missverständnisse und Widerwärtigkeit. Dadurch verliert der Gottesdienst an Bedeutung und wird geschwächt.
Deshalb bitten wir Euch, den genannten Priester vor Euch zu zitieren, um herausfinden, was und warum dies geschehen sei und danach ihm nahezulegen, was er zu tun und zu lassen habe und was sich nach Eurer Meinung  und christlicher Ordnung gebührt.

Der Bischof musste jedoch nicht tätig werden, weil Bern die Vorwürfe zurückzog. Der Zofinger Probst, selber eine zweifelhafte Figur, habe Tischmacher zu Unrecht beschuldigt.

Doch die Vorwürfe scheinen nicht unberechtigt gewesen zu sein, wie die folgenden Jahre zeigen. Der seit 1520 amtierende Pfarrer Hans Zurmüli sowie der bereits erwähnte Helfer (Hilfspriester) Benedikt Tischmacher wurden in den 1520er-Jahren mehrfach ermahnt, die Messe zu halten, von Beziehungen zu Frauen abzusehen etc.

Im Januar 1526
wird der Vogt von Aarburg aus Bern angewiesen, sich zu erkundigen, ob das wahr sei, was Zofingen an Bern der Metzen halb gemeldet habe, nämlich ob der Priester daselbs noch sin Metzen (hab). In diesem Fall soll man ihm die Pfrund abkünden (ihn entlassen).

Im März 1526 ordnet der Rat in Bern an und übermittelt an den Landvogt in Aarburg, dass der Pfarrer in Brittnau das obrigkeitliche Mandat verachte und ebenso die Messe. Wenn er davon nicht Abstand nehme, soll er unter Eid des Landes verwiesen werden.

Im April 1526 ordnet der Rat zu Bern an, dass der Kirchherr zu Brittnau den Eid leisten soll. Meint er aber, dass ihm dadurch Nachteile entstünden, wollen ihm meine Herren in Baden an der Disputation «grächt werden».

Im Juli 1526 weist der Rat in Bern den Abt von St. Urban an, den Helfer in Brittnau wegzuweisen und einen neuen Helfer einzusetzen, falls der bisherige sich ungebührlich verhalte und gegen das Mandat handle.

Ebenfalls im Juli 1526 wird Herr Ulrich Capeller nach Brittnau geschickt, und der Schultheiss von Zofingen angewiesen, den Kirchherrn in Brittnau einzusetzen, obwohl der alte (abgesetzte) Kirchherr sich erlaube zu bitten (in Brittnau zu bleiben). Die gnädigen Herren wollen ihn aber nicht anhören, sondern dem neuen Kirchherrn die Pfrund geben.

Weiter schreibt der Rat in Bern im Juli 1526 an den Abt von St. Urban, sollte der Kaplan zu Brittnau (nicht der Pfarrer) wider das Mandat gehandelt habe, sei er zu entlassen, jedoch müssten ihm die Gründe genannt werden. Geschehe das nicht, sei er im Amt zu belassen.

Im August 1526 wendet sich der Rat von Bern an den Vogt zu Aarburg und weist ihn an, eine Kundschaft dem Pfaffen von Brittnau vorzuhalten, kann er diese ausräumen, soll er im Amt bleiben, sonst weggewiesen werden.

Im Februar 1527 wird erwähnt, dass dem Kirchherrn von Brittnau die Pfrund wieder gegeben worden sei. Er solle sich aber künftig anständig (gehorsam) verhalten.

Im April 1527 schreibt der Berner Rat dann an den Landvogt zu Aarburg und die Kirchgenossen in Brittnau, er habe vernommen, dass der Kirchherr die Messe nicht abhalte. Er soll das Mandat schwören (das die Messen vorschreibt) oder die Pfrund aufgeben.

Im Mai 1527 findet die Volksbefragung statt, in der Bern die Landschaft über Religionsfragen konsultiert. Die Bevölkerung überlässt es Bern, die richtigen Entscheidungen in Reformationsfragen zu treffen und möchte beim geschworenen Mandat bleiben.

Ebenfalls im Mai 1527 weist der Berner Rat den Untervogt zu Aarburg an, den  Kirchherrn von Brittnau von seiner Pfrund zu stossen (aus dem Amt zu entfernen), weil er die Messe nicht abhalte.

Im August 1527 wird der Untervogt zu Aarburg angewiesen, die Brittnauer sollten sich ruhig verhalten. Wer die Predigt hören wolle, solle das tun, oder auch die Messe zu hören. Doch wolle der Pfarrer nicht Messe halten, soll er das Pfrundeinkommen verlieren. Sie, die Brittnauer dürften dann aber auf ihre Kosten diesen Prediger (der nicht Messe liest) unterhalten. Die Pfarrei müsse aber gleichzeitig mit einem Pfarrer versehen werden, der die Messe lese und die Feiertage begehe.

Im September 1526 wird der Vogt zu Aarburg vom Berner Rat angewiesen, dem Helfer zu Brittnau die Pfrund zu kündigen und gleichzeitig Hand auf Güter der Pfarrei zu legen.

Ebenfalls im September 1526 wird der Fall Tischmacher (Helfer/Kaplan in Brittnau) verhandelt: Wir, der Schultheis und Rät und Sechszygk der Stadt Bern empietten allen etc. und besonders dem edlen, vesten Görgen von Büttikon, unsern Gruoss etc. Und fügen üch hiemit zuo wüssen, dass hütt Datums für uns komen ist der ersam, wolgelert Benedict Tischmacher von Winingen, Zöuger diss, und hat uns mundtlich und schriftlich fürbracht allen Handel, so sich mit im verlüffen hat, als er in unser Herschaft Brittnouw Caplan gewäsen, von wellicher Ursachen wegen er mit dem Eyd uss unsern Landen und Gepieten gewysen worden, und doch zuletst uf Anrüffen siner Fründen ime widerumb das Land erloupt, sich ze entschuldigen mogen. Das wir alles nach der Länge verstanden haben, und so wir den Handel gründtlich ermässen, haben wir im unser Land und Gepiet widerumb ufgethan, und ime nachgelassen, darinne ze wonen, doch mit Gedingen, dass er die, so in verclagt haben, unberechtigt lasse. Und sidmal er siner Pfründ ein Zyt lang müssen manglen und etwas daran verbuwen, dass ime die widerumb verlange, so wir in doch sins vergangnen Handels halb für entschuldiget haben, welliche Pfrund er sin läben lang, wie er dann des obbemeldten Görgen von Büttikon, Lechenher derselben, Brief und Sigel hat, inhaben, nutzen und niessen mag und soll, an mengklichs Intrag und Widerred, in Kraft diss Briefs, des zu Urkund etc. Datum ut supra .

Im Oktober 1527 werden die Brittnauer (Boten in Bern?) wieder nach Hause geschickt. Dabei wird es ihnen überlassen, ob sie die Predigt oder die Messe hören wollen. Doch der Prädikant (Prediger! nicht Priester) soll solange die Pfrundeinkünfte nicht erhalten, bis Bern darüber entschieden hat.

Im Januar 1528 unterschreibt «Johannes Zu der Müli, Kilchherr zuo Brittnouw» alle Thesen der Berner Disputation, mit der die Reformation eingeführt wird.

Im Februar 1528 wird der Landvogt in Aarburg angewiesen, für den Abzug (Wegzug) des Brittnauer Kaplans zu sorgen. In dieser Sache gibt es zudem Streit zwischen Bern und Luzern.

Die ersten Pfarrpersonen

Hans Zurmüli, bzw. Johannes Zur Mühle wurde 1528 der erste reformierte Pfarrer der Kirchgemeinde Brittnau. Er blieb fast 40 Jahre im Amt. Zuvor war er von 1520–1528 hier katholischer Priester gewesen. Wegen einer nicht bekannten Verfehlung wurde Prädikant Zur Mühle im April 1560 abgesetzt, jedoch bereits im Mai 1560 begnadigt und durfte dann sein Amt weiter ausüben.

Der im refomatorischen Umfeld ebenfalls bekannt gewordene Brittnauer Helfer Benedikt Tischmacher wurde 1528 Pfarrer in Herzogenbuchsee.

Eine gerettete Pietà

Gemäss einer Reformationssage wurde eine Pietà (Figurengruppe mit der Muttergottes und dem verstorbenen Christus) von Brittnau nach Wikon in die Schlosskapelle gerettet. Darüber schrieb Adolf Reinle:
In der Hauptnische steht das Wallfahrtsbild von Wikon, eine gotische Pieta (Abb. 196) aus der Zeit um 1400, barock neu gefaßt und mit einer vergoldeten Krone geschmückt. Der Typus ist von großer Seltenheit. Maria, eine schmächtige Gestalt in schwerem hängendem Gewand und Schleier, hält mit beiden Händen den ebenfalls stehenden, um Kopfhöhe kleineren, leicht geknickten Leichnam des Sohnes. H. 80 cm, ohne barocke Krone. Über die Herkunft orientiert das 1711 auf eine Holztafel in schöner Zierfraktur gemalte 42-zeilige Gedicht. Es erzählt, die Skulptur sei 1527 beim Bildersturm im reformiert gewordenen nahen Brittnau in ein Grab geworfen, später zum Spott auf einen Brunnenstock gestellt und von dort durch eine pietätvolle Frau nach Wikon gebracht worden.

Adolf Reinle weiter:
Die Kapelle besitzt ein zweites Fluchtheiligtum, einen spätgotischen Kruzifixus von satter, gedrungener, frontaler Gestalt mit diagonal verschlungenem Lendentuch. H. 115 cm. Zu seinen Füßen eine geschnitzte frühbarocke Kartusche, mit Inschrift, welche besagt, das Kreuz sei an einem Ort zur Reformationszeit vergeblich ins Feuer geworfen worden, darnach aber zur Zeit des Landvogts Jost Rüttimann (1699-1705) nach Wikon gebracht (…).
Dieses sei (so Adolf Reinle in einer Anmerkung zum obigen Text) vielleicht identisch mit dem nach Salats Reformationschronik von Zofingen zuerst nach Reiden geflüchteten Kruzifixus: «Item als man Zofingen die Bilder stürmpt und verbrant , nam ein guoter Eerenman ein hüpsch seer groß Crucfix uff sich, und sin guot Schwertt an dhand, truog das angsicht der Stürmer aller Ougen von inen hinweg zum Tor us gen Reyden uff den Berg in Sant Joannis Kilchen.

In der Ortsgeschichte von Buchmüller wird die Sage so zusammengefasst, dass im Glaubensstreit die Brittnauer aus ihrer Kirche ein Marienbild herausholten und es in den Dorfweiher warfen. Eine fromme Frau habe es herausgezogen und auf den Brunnen gestellt. Da seien dem Bild Tränen über das Antlitz geronnen. Leute aus Wikon, wo noch der alte Glauben galt, hätten es nachts geholt und in die Schlosskapelle gebracht. Dort steht die Marienstatue heute noch. Ein langes Gedicht auf einer Holztafel erinnert an den Vorfall.

Nachreformatorische Wirren

Auch nach der Umsetzung der «Berner Reformation» (im Nachgang zur Disputation in Bern zu Jahresbeginn 1528) ergeben sich vielerorts Unklarheiten im alltäglichen Umgang mit der neuen Auslegung der religiösen Vorschriften und im Umgang mit den oft katholischen Lehensherrn gewisser Güter im Dorfgebiet. Brittnau war nach der Reformation in eine heikle Lage geraten. Das Gemeindegebiet war auf der Ost- und Südseite von katholischer Bevölkerung umgeben, man war Untertan der reformierten Gnädigen Herren von Bern und bewirtschaftete Lehengüter, die grösstenteils dem katholischen Kloster Sankt Urban gehörten, das 1520 Besitzer der Höfe Mättenwil, Sennhof, Bösenwil, Grod, Liebigen, der Mühle und der meisten Güter im Dorf geworden war.

In Brittnau führte ein Bauer jenseits der Altachen, also auf katholischem Gebiet an einem katholischen Feiertag Erntearbeiten aus. Dies wurde von Wikon aus bemerkt, und der Fehlbare verhaftet. Der Landvogt in Aarburg informierte die Gnädigen Herren in Bern über den Vorfall. Bern schrieb darauf an Luzern: «Euer Vogt Dietrich Eglin hat unsern Untertanen zu Brittnau, weil er an einem Feiertag, den ihr haltet, wir aber nachgelassen haben, gwärchet, ihn fangen lassen und auf das Schloss geführt.» Der Gefangene solle freigelassen werden. Luzern antwortete völlig undiplomatisch: «Der üwer zuo Brittnow hat auf unserem Erdrich und Gepiet ein Frävel begangen. Darum hat ihn unser Vogt zuo Wikon zu Recht gefangen genommen. Der eure hat an einem Feiertag geerntet, den wir nach der heiligen, christlichen Kirchenordnung feiern, und den ihr und eure Vorfahren auch feierten, und hat nicht allein der Kirche, sondern auch unserer Obrigkeit und Herrlichkeit zur Schmach und Verachtung gehandelt.»

Die beiden Briefe (Bern an Luzern und Luzern an Bern) in dieser Sache vom Juli/August 1528 lauten im Original folgendermassen:

Bern an Luzern: Unser früntlich etc. Unser Amptman zuo Arburg hat uns verstendigt, wie üwer vogt zuo Wycken einen unsern Underthanen von Brittnouw, von wegen dass er uf üwerem Ertrich an einem Firtag, den ir haltend und aber wir nachgelassen haben, gewercket, darumb understanden ze vachen etc.

So wir nun demselben üwerm Vogt geschriben, dass er den unsern unbekumbert liesse, oder aber Bürgschaft von im nemme zum Rechten, hat er sich dess nit wellen settigen, sonders understanden ine ze vachen etc.

Das nun uns umbillichet, und als wir üch diser sach halb ouch früntlichen geschriben, und den Brief unserm amptman zuo Arburg geben, denselben üwerm Vogt zuo Wycken ze überantwurten, der üch dann denselbigen überlifren sollt, hat er das nit allein nit thuon wellen, sonders den Brief unserm Vogt von Arburg widerumb behendigen lassen etc, darzuo des gedachten guoten Gsellen Wercklüt uf dem Acker, als sy das Korn geschnitten, durch vier bestellter Mannen mit blossen Degnen ze überfallen verschaffet, und wo er nit uf unser Ertrich entronnen, hette er in vencklich über alles rechtpott angenommen.

Harumb, getrüwen, lieben Eydgnossen, so langt an üch unser früntlich Bitt und Begär, ir wellend mit vylbemeldtem üwerm Vogt zuo Wycken verschaffen, dass er sich des Rechten benügen lasse, und nit also mit den unsern Gewalt bruche, noch das Ir versperre, sonders früntlichen und nachpurlichen läbe und handle. Wellen wir hinwiderumb vermogen, dass die unsern, so an üch und die üwern stossen, glicher Gestalt handlen. Hierüber üwer verschriben antwurt begärende.

Luzern an Bern: Unser früntlich etc. Üwer Schriben, berürend üwern Underthanen von Brittnow, so unser vogt zuo Wycken understanden ze fahen, mit üwer Beger und allem Inhalt haben wir verstanden. Aber so unser Vogt zu Wycken uns des Handels vorhin bericht hat, will die Sach nit zusammen dienen.

Dann, als wir verstand, so hat der üwer zu Brittnow vorhin ein Fräffel und Buoss uff unserm Erdtrich und Gebiet begangen, darumb unser Vogt ine zu Wigken mit Recht fürgenommen und umb die Buoss verfellt und erlangt, und ime das sin, so er uf unserm Erdtrich und Gebiet hat, verbotten und verhefft. Ueber söllichs ist der üwer zuogfaren, und das Korn, so verbotten gewesen, abgeschnitten und hinweg gfuert. Und als unser Vogt ine darumb zu Red gstellt und gefragt, warumb er das than, doruf der üwer unserm Vogt zuo Antwurt geben, der Vogt zuo Arburg hab im söllichs geheissen. Doruf unser Vogt geredt, so höre er wol, der vogt zuo Arburg sige Herr und Vogt  zuo Wigken och etc.

Zudem, so hat der üwer an einem Firtag, den wir nach der heilgen alten cristlichen Kirchen Ordnung und Gebot fyrend und haltend, wie etwa ir und üwer Vordern ouch gethan, in unser Oberkeit und Gebiet gewerchet, und nit allein der heiligen alten cristlichen Kirchen, sunder uns und unser Oberkeit und Herrlicheit zuo Schmach, Verachtung und Verletzung den Fyrtag nit gehalten und übertreten, welches uns ganz unlidenlich ist. Darumb unser Vogt bewegt, dwyl der Üwer über Verbot das Korn geschnitten und hinweg gfürt, ouch nit allein sich diser Verachtung benügen lassen, sunder mit Übertretüng des heiligen Fyrtags also gehandelt, dass also unser Vogt uf in gewartet, und wo er im in unserm Gebiet worden, so hette er in gefengklich angenommen.

Daran unser Vogt uns kein Undienst noch Missfallen gethan. Dann ob ir schon den Üwern erlobt, die firtag ze werchen, ja in üwerm gebiet müssen wir geschechen lassen, aber in unserm Gebiet werden wir das weder den Unsern, noch den Üwern in unserm Gebiet ze thuon nit gestatten noch zulassen, sonder sy darumb strafen. Dann üch ist wol zuo wissen, was Bruch und Vertrag die Üwern zuo Brittnow und die unsern zu Wycken gegen einandren hand.

Namlich, wann der Üwern einer zu Brittnow in unser Vogty zu Wycken zuom Rechten gewisen und stan soll, dessglichen wann der unsern einer in üwerm gebiet zu Brittnow fräffelt, ouch hinüber gan Brittnow gewisen werden und stan sol. Und dwyl der üwer sölich Misshändel und Fräffel in unserm Gebiet gethan, vermeinen wir, er sölle die gegen unserm Vogt büssen und abtragen. Und dass üwer Vogt zu Arburg sich in disem Handel zuvil Gwalts angenommen, dann er gar keinen, die Bott und Verbott, so unser Vogt in unserm Gebiet tut, nachzelassen hat, könnden und mögen ouch söllichs nit gedulden.

Darumb, lieben Eidgnossen, so bitten und begerend wir an üch, nit minder dann ir gegen uns gethan, dass ir üwern Vogt und Amptman zu Arburg daran wisen und vermögen, dass er von söllichen Sachen abstand und das Bruch und Handel, so da zimlichen und billichen, ouch der Bruch und Verträg vermögen und inhalten. Und dass der Üwer uns sin Übertreten und Misshandel, uf unser Oberkeit begangen, unserm vogt abtrag thueg old zum Rechten harüber gen Wycken gestellt werde. Dann wir im söllichs nit nachlassen, sunder, wo uns old unserm Vogt nit Abtrag beschech, wyter darin handlen, darzuo wir fuog und recht hand, und söllich Verachtung von den Üwern nit erliden werden. Das wellen also im besten und in Antwurts Wyss von uns vernemen.
Luzern bleibt also hart, und der reformierte Brittnauer muss im katholischen Wikon wegen Missachtung des Feiertags verantworten.

Priester als Freiwild?

Im gleichen Brief Luzerns an Bern vom August 1528, der oben in Teilen abgedruckt ist, fragte Luzern Folgendes nach:

Wyter, lieben Eidgnossen, so ist an uns gelangt, wie dass ir ein Mandat in all üwern Gebieten habend lassen usgan, wer ein Messpfaffen, old ir Anhenger, zue tod stech old umbbring, der sölle kein Gefräffelt noch Verschult han und niemant kein Antwurt gen etc.

Und wo dem also, so wäre das uns nit kleinfueg verwundren, und besonder unsere Priesterschaft ganz hoch beschwären. Dann inen und andren dann abgestrickt, dass sy nit dörften in üwer gebiet wandlen etc.

Ist unser ernstlich und früntlich Bitt, ir wellen uns unverzugenlich berichten, wie es ein Gestalt hab, und ob söllich Mandat von üch ussgangen, mer old minder, und was die Meinung sig, damit wir und die unsern uns ouch wissend darin ze schicken, und begerend hieruf üwer verschriben Antwurt so bald das gsin mog.

Hiemit sind Gott befolchen. Datum uf Oswaldi, anno etc. 28.
Schulthess und rat der statt Lucern.

Es existiert tatsächlich ein Mandat vom 28. Juni 1528, das die genaue Beobachtung von frömbd oder heimsch Messpfaffen (katholischen Priestern) anordnet, die in reformierten Gebieten erscheinen und hier wieder Messen abhalten würden. Diese sollte, wenn sie gegen das Verbot der Messen verstossen, «Sicherheit und Friden» (also der Rechtsschutz) abgesagt werden. Neben den Amtleuten (Landvögte etc.) war es auch allen Bewohnern des bernischen Herrschaftsgebiets erlaubt, die sich durch Handlungen oder Worte der «Messpfaffen» beleidigt fühlen, sich an diesen zu vergreifen. Das heisst, den Tätern war sozusagen im Voraus Amnestie gewährt für diese Straftaten, und die Priester durften behandelt werden wie Verbecher, die in der Acht standen, also vogelfrei waren und ohne Einschränken getötet werden durften.

Zudem standen alle Berner Herrschaftsanghörigen, die solche «Messpfaffen» beherbergen, ihnen Unterschlupf gewähren oder sie verpflegen und schützen, unter Androhung strenger Strafen.

Und die Täufer?

Brittnau gehörte zum Täufergebiet. Bereits in einem Bericht der Stadt Brugg an den Zürcher Rat über den Täuferlehrer Jacob Gross aus Waldshut wird festgehalten, dass Jakob Gross selber bekannt habe, sich trotz Verbot der Obrigkeit in Zofingen, Brittnau und Aarau etwaß Zitß aufgehalten, Winckelpredigen (an verborgenen, geheimen Plätzen abgehaltene Predigten) gehalten, das gemeinsame Abendmahl genossen,  die Leute dort aber unterrichtet zu haben, dass die (damals noch gültigen katholischen) Altarsakramente Brot und Wein nicht Leib und Blut, sondern nur Zeichen seien, was gegen die bernischen Mandate verstossen habe.

Täufergespräche, wie Bern 1531 ein solches in Zofingen organisiere, sollten den Konflikt mit den Täufern auch nach der Reformation friedlich lösen. Ohne Erfolg. Das Amt Aarburg und Zofingen waren offenbar stark durchsetzt mit Taufgesinnten, wie dies bereits in die den frühen 1530er-Jahren von der Obrigkeit organisierten Verfolgungen von Täufern vermuten lassen.