Reformationsgeschichten Bremgarten - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Bremgarten

Bremgarten ist ein Paradefall für ein Dorf bzw. eine Stadt mit gescheiterter Reformation. Dies ist auf die Lage im Freiamt zurückzuführen, welche 1531 nach dem 2. Kappeler Landfrieden gesamthaft rekatholisiert wurde, während in der Grafschaft Baden Alt- und Neugläubige je nach Gemeinde eine gewisse gegenseitige Toleranz zeigten.

Bremgarten ist auch bekannt als Geburtsstadt und vorübergehender Wirkungsort des Reformators Heinrich Bullinger (1505–1575), der zum Nachfolger von Huldrych Zwingli, nach dessen Tod in der Schlacht bei Kappel, nach Zürich berufen wurde.


Einleitende Bemerkungen

Die Stadt Bremgarten entstand im frühen 13. Jahrhundert und erhielt um 1258 ein eigenes Stadtrecht vom späteren König Rudolf von Habsburg. Im 13. und 14. Jahrhundert erweiterte die Stadt ihren Einfluss durch den Erwerb der Niedergerichte mehrerer umliegender Dörfer. Daraus entstanden die beiden Gerichtsbezirke des Kelleramts (Ober- und Unterlunkhofen, Arni, Islisberg, Jonen, Werd und Huserhof) und des Niederamts (Oberwil, Lieli, Zufikon, Berikon und Rudolfstetten).

Bremgarten verfügte über eine eigene Kirche, deren Kirchensatz 1420 von Habsburg-Österreich an die Stadt gelangte, welche spätere weitere Kirchensätze in Zufikon und Oberwil AG erwarb.

Im Spätmittelalter wurden die städtischen Freiheitsbriefe und Privilegien stets bestätigt, z.B. 1442 durch König Friedrich und 1450 durch die Eidgenossen. Alles in allem eine recht bedeutende Position im strategischen Schnittpunkt Berns, Zürichs und der Inneren Orte. Während des Alten Zürichkriegs in den 1440er-Jahren stand Bremgarten auf österreichisch-habsburgischer Seite gegen die Eidgenossenschaft. Damals schlug die Stadt die Offerte aus, zusammen mit ihrem Umland als eidgenössischer Ort der Eidgenossenschaft beizutreten. 1443 wurde Bremgarten belagert und eingenommen.

Ablasshandel als «Reformationsgrund»

In der Eidgenossenschaft war ein äusserst aktiver «Ablasskrämer» unterwegs. Es handelte sich um den Minoritenprediger Bernhardin Sanson, ein Franziskaner. Beim Ablass ging es um den römisch-katholischen Brauch, irdische Sünden durch Gebete oder gute Werke wiedergutzumachen. Vor der Reformation, also im ausgehenden Spätmittelalter, wurde der Ablass durch die Kirche zu einem Geldgeschäft umfunktioniert. Das heisst, der Erlass bestimmter Sünden bzw. der dafür zu erwartenden Strafen im Fegefeuer konnte durch eine Geldzahlung erlangt werden, auch für Personen, die bereits gestorben und mutmasslich im Fegefeuer waren. Dieser Ablasshandel wurde durch die Reformatoren wie Luther und Zwingli heftigst kritisiert und war das zentrale Thema der 95 Thesen von Luther in Wittenberg, 1515, dem Auslöser der Reformation.

Die Bullinger in Bremgarten

Einer dieser Kritiker am Ablasshandel war Heinrich Bullinger der Ältere. Er kam 1469 in Bremgarten zur Welt, war später Wanderstudent, wurde 1493 zum Priester geweiht und sass daselbst auf der Michelspfründe, als er wegen Konkubinats mit Anna Wiederkehr, der Tochter eines Bremgartner Ratsherrn, in den auswärtigen Kaplaneidienst versetzt wurde. 1506 erhielt er die Stelle des Leutpriesters. 1514–1529 (Reformation) amtierte er zudem als Dekan des Kapitels Zug-Bremgarten. 1519 trat er gegen den Ablasshändler Sanson auf. Sein Bekenntnis zur Reformation führte schliesslich – trotz Intervention des (reformierten) Zürcher Rates – zur Absetzung in Bremgarten durch Rat und Gemeinde.
Ende Dezember 1529 wurde seine Ehe durch einen öffentlichen Kirchgang bestätigt. Drei Monate später im März 1530 erhielt er durch Zürcher Vermittlung eine Anstellung in Hermetschwil, flüchtete aber nach der 2. Schlacht bei Kappel im November 1531 mit seinem gleichnamigen Sohn – dem bekannten Reformator – nach Zürich, wo er bald darauf  (1533) verstarb.

Dekan Heinrich Bullinger senior hatte den Ablasskrämer Sanson, als dieser im Februar 1519 auf Einladung einiger Stadthonoratioren in Bremgarten auftauchte, sofort bekämpft. So verweigerte er ihm beispielsweise den Zutritt zur Kirche, worauf ihn Samson in den Kirchenbann versetzte, woraus er nur durch die Zahlung von 300 Dukaten wieder ausgelöste werden könne. Die Tagsatzung in Zürich wies Samson schliesslich aus der Eidgenossenschaft weg, jedoch musste er zuvor den Bann gegen Heinrich Bullinger offiziell und kostenlos wieder aufheben.

Heinrich Bullingers Sohn Heinrich junior (1504–1575) war der uneheliche Sohn von Heinrich senior und der bereits erwähnten Anna Wiederkehr. Er selber sollte 1529 eine ehemalige Nonnen ehelichen.

Heinrich Bullinger der Jüngere besuchte nach der Grundbildung in Bremgarten die Lateinschule im niederdeutschen Emmerich, danach die Universität in Köln, wo er den Grad eines magister artium erwarb. Zu dieser Zeit wandte er sich unter dem Einfluss humanistischer Lehrer sowie durch die Lektüre der Kirchenväter und Reformatoren von der römischen Kirche ab. Während seiner Zeit als Lehrer der Klosterschule Kappel (1523–1529) wurde er Anhänger Zwinglis und trat öffentlich für die Zürcher Reformation ein. 1528 war Bullinger Teilnehmer der Berner Disputation. 1529–1531 amtierte er dann als Pfarrer in Bremgarten, von wo er jedoch im Umfeld des 2. Kappelkrieges (1531) nach Zürich floh. Dort wurde er zum Nachfolger des im Krieg umgekommenen Zwingli ernannt.

Reformation in Bremgarten

Den ersten Anstoss zum Abfall vom alten Glauben gab der oben erwähnte Ablassprediger Sanson. Bullinger erreichte, dass der Franziskaner-Mönch 1519 Bremgarten unverrichteter Dinge wieder verlassen musste. Dem standen der damalige Schultheiss (Bürgermeister) Johannes Honegger sowie der Dominikaner und Inhaber des Predigeramtes Dr. Johannes Burckhard entgegen. Beides vehemente Verteidiger des alten Glaubens, die vorerst ihre Position weiter stärken konnten.

Im Umfeld der Berner Disputation von 1528 s etzte sich die reformierte Partei durch und versetzte Bremgarten, das zwischen den beiden neugläubigen Zentren lag, in eine unangenehme Situation im Spannungsfeld zwischen Reformierten und Katholiken. Auf der Heimreise von Bern sollte Zwingli im Februar 1528 über Bremgarten nach Zürich reisen. Die katholischen Orte befürchteten, dass er seinen Aufenthalt in Bremgarten dazu nützen könnte, die Stadt von der Reformation zu überzeugen. Zwingli sollte verhaftet werden, doch Zürcher und Berner Boten verhindern dies. Das verhalf den Neugläubigen in Bremgarten zu mehr Rückhalt in der Bevölkerung.

Zudem musste im Sommer 1528 der bereits erwähnte altgläubige Dominikanerprediger Burckhard die Stadt verlassen, was den Reformierten weiteren Auftrieb gab. Zürich versuchte nun ständig, seinen Einfluss in Bremgarten zu verstärken. Dem hatte der Kleine Rat wenig entgegenzusetzen, der noch mehrheitlich altgläubig war, während der Grosse Rat bereits je zur Häfte alt- und neugläubige Mitglieder hatte. Die Patt-Situation in den Räten liess die Stadtbürger handeln.

Im Sommer 1528 kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen neugläubigen Zürcher Bauern und altgläubigen Kellerämtern in einem Wirtshaus in Bremgarten, später ausserhalb von Bremgarten. Ein Zürcher starb an den Folgen der Verletzungen.

Im Februar 1529 trat Dekan Bullinger (der Ältere) öffentlich für die Einführung der Reformation ein. Sofort wurde er als Pfarrer abgesetzt. Nun mischte sich einerseits Zürich und andererseits Luzern und Zug ein. Gemäss einer öffentlichen Abstimmung ebenfalls im Februar 1529 verblieb die Bevölkerung knapp beim alten Glauben. Der neu eingesetzte Priester rief durch seine katholischen Predigten den Zorn Zürichs hervor, das mit einem gewaltsamen Eingreifen drohte.

Zwischenzeitlich wurde auch der altgläubige Schultheiss abgesetzt, was zeigt, dass die Reformierten in der Stadt immer mehr Unterstützung erhielten.

Die Bevölkerung war gespalten, und es drohten Unruhen. Tagsatzungsboten aus Baden konnten dies gerade noch verhindern.

Nun traten auch Mellingen  und Oberwil zum reformierten Glauben über, was für die katholischen Orte Bremgarten als altgläubigen «Stützpunkt» noch wichtiger machte.

Am 1. April 1529 gab die Bürgergemeinde durch ihre Beschlüsse uneinheitliche Signale an die Bevölkerung mit Zugeständnissen an beide Parteien, die zwischenzeitlich heftig für ihre Sache agitieren.

Am 7. April 1529 brachen offene Feindseligkeiten aus, während denen katholische Boten zusammengeschlagen wurden. Zürcher Gesandte erreichten mit Mühe und Not, dass es zu keinem Blutvergiessen kam. Wieder wurde an der Bürgergemeinde abgestimmt, wieder waren die Beschlüsse nicht eindeutig. Erst als die altgläubigen Boten abgrzogen wurden, beschloss die Gemeinde die Abschaffung der Messe und die teilweise Beseitigung der Bilder in den Kirchen und Kapellen. Zwingli schickte auf Bitte der Stadt einen Prädikanten nach Bremgarten. Die bisherigen katholischen Wortführer verliessen die Stadt.

Als Heinrich Bullinger der Jüngere an Pfingsten 1529 in Bremgarten eine Predigt hielt, war die Bevölkerung so begeistert, dass sie ihn als Pfarrer haben wollten. Gleichzeitig verbrannte man nun die Heiligenbilder und führte Sittenvorschriften ein, verbesserte die Armenfürsorge und beschloss den evangelischen Gottesdienst. Am 1. Juni 1529 trat Bullinger sein Amt in Bremgarten an.

Von Bremgarten aus wurde nun versucht, die Gemeinden im eigenen Einflussgebiet zu reformieren. Dies gelang in Zufikon, Lunkhofen und Eggenwil, wo ebenfalls die Bilder aus der Kirche entfernt und verbrannt wurden. In den übrigen Gemeinden jedoch traten Boten der Inneren Orte auf und verhinderten den Glaubenswechsel. Daraus entstanden weitere Spannungen zwischen den Konfessionen, die schliesslich zum 1. Kappeler Krieg und zum 1. Landfrieden führten (Juni 1529). Nun wurde zugestanden, dass die Dörfer mit Mehrheitsbeschluss ihre Glaubenszugehörigkeit selber bestimmen durften. Glaubenspropaganda sollte verboten sein.

Zürich hielt sich nicht an den Geist des Landfriedens und agitierte unbeirrt weiter, sogar in der Innerschweiz.

In Bremgarten war die katholische Partei zwar geschwächt, aber noch immer existent. Sie erreichte im Juni 1529 sogar eine knappe Mehrheit im Kleinen Rat bei der Ämterbesetzung. Zürich griff sofort ein und verlangte eine Neuwahl, bei der die katholischen Vertreter wieder ausschieden. Doch die Lage blieb angespannt.

Als im September 1529 die Situation zwischen reformierten und katholischen Orten immer angespannter wurde, begann Zürich, eine Lebensmittelsperre gegen die Innerschweiz umzusetzen, die trotz Verhandlungsversuchen im Oktober 1531 zum 2. Kappeler Krieg führte. Diesen Waffengang verloren die Reformierten. Unter den Gefallenen war auch der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli.

Als Reaktion auf den verlorenen Krieg triumphierten die katholischen Orte.  Bremgarten, Mellingen und die Freien Ämter mussten zum alten Glauben zurückkehren, während in der Grafschaft Baden noch eine gewisse Toleranz beibehalten wurde. Bremgarten hatte harte Friedensbedingungen zu gewärtigen. Eine hohe Geldsumme, die Einschränkung der Schultheissenwahl, eine hohe Busse für den bisherigen neugläubigen Schultheiss samt Ämterverlust, die Stadt als «offene Stadt» für die fünf (Innerschweizer) Orte  im Kampf gegen die reformierten Berner musste Bremgarten akzeptieren. Die beiden reformierten Prädikanten Bullinger und Schuler flüchteten zusammen mit etwa 50 neugläubigen Stadtburgern nach Zürich.

Im November 1531 wurde wieder die Messe gelesen. Im Januar 1532 kehrten viele der geflohene Katholiken wieder zurück nach Bremgarten.

Die in Bremgarten rund zweieinhalb Jahre dauernde reformierte Phase wurde im Oktober 1532 durch die Neuweihe der Pfarrkirche durch einen Vertreter des Konstanzer Bischofs abgeschlossen.

Die grosse Unabhängigkeit, die Bremgarten bisher genossen hatte, schränkten die Innerschweizer Orte massiv ein. Es blieb fortan ein unbedeutendes Landstädtchen.