Reformationsgeschichten Aarau - Reformierte Landeskirche Aargau


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Reformationsgeschichte in Aarau

Aarau ist ein gutes Beispiel für  eine Täufergemeinde im Umfeld der katholisch/reformierten «Amtskirche» vor und nach 1528. Weil Aarau als Stadt vergleichsweise viele Quellen zur Reformation aufweist, existiert zu jedem relevanten Thema Material.


Einleitende Bemerkungen

Die mittelalterliche Stadt Aarau war eine kyburgische Stadtgründung um 1240/1250. Kirchlich gehörte die Stadtkirche zur Kirche bzw. Pfarrei in Suhr, welches im Jahr 1400 ans Stift Beromünster fiel. Die Abhängigkeit der Aarauer Stadtkirche von Suhr blieb bis 1568 bestehen.
Verschiedene klösterliche Stiftungen (vier Schwesternhäuser und einige Bruderschaften), die in Aarau im Spätmittelalter entstanden waren, wurden im Zuge der Reformation aufgelöst.
Die Kirchengeschichte der Stadt Aarau ist ungleich besser dokumentiert, als diejenige der Dorfpfarreien. Alleine die Abhandlung von Theodor Müller-Wolfer über den «Werdegang der Reformation in Aarau» bietet eine beeindruckende Menge an Informationen. Gut beschrieben sind das vorreformatorische Wirken des Aarauer Leutpriesters Andreas Honolt, der Aufbau einer grossen Täufergemeinde im Umkreis der Stadt Aarau, innerstädtische Auseinandersetzungen zwischen reformatorisch Gesinnten und Altgläubigen, Umsetzung der Reformation mit allen Konsequenzen (Bildersturm etc.), das erneute Auftauchen von Täufern um 1530, die Zeit der Kappeler Kriege 1531 etc.

Vorboten der Reformation in Aarau

1522 beklagte sich Luzern an einer eidgenössischen Tagsatzung darüber, dass an verschiedenen Orten Predigten gehalten würden, die Zwietracht und Irrung im christlichen Glauben säen sollen. Besonders die bernischen Untertanen, nämlich die beiden Leutpriester Hans Buchser in Suhr und Andreas Honold in Aarau, aber auch der Wirt von Rupperswil, hatten Luzern dazu bewogen, in Bern zu protestieren, zumal die Kirche von Suhr und deren Tochterkirche in Aarau damals dem luzernischen Stift Beromünster gehörten.
Diese Personen seien mit der «faltschen, der luterschen Opinion vergifft» und würden Unruhe stiften und die Einkünfte des Stiftes Beromünster beeinträchtigen.
Georg Boner schreibt in der Aarauer Stadtgeschichte dazu: «Als scharfer Kämpfer gegen die alte Kirche tat sich damals besonders Honold hervor. Er bekleidete das Aarauer Leutpriesteramt seit 1519 und predigte schon 1523 ganz im Sinne Zwinglis, so dass Luzern sich bei den Miteidgenossen von Bern für die Abberufung Honolds als Pfarrer von Aarau einsetzte.»
Im November 1523 legte Luzern einen Klagerodel gegen Honold vor. Dort wurde unter anderem festgehalten, dass dieser in seinen Predigten behaupte, das Evangelium sei seit langem nicht mehr richtig ausgelegt worden. Die katholische Abfolge der Lesungen in den Gottesdiensten habe Honold wie Zwingli in Zürich nicht mehr eingehalten und Sonntag für Sonntag das Matthäusevangelium ausgelegt. Ganz abgesehen von der öffentlichen Schmähung des Stifts Beromünster, indem er die Chorherren als «Torherren» (Tor = Idiot) bezeichnet habe, rufe Honold dazu auf, den Zehnten nicht mehr ans Stift abzuliefern. Weiter habe Honold bei einem Festgottesdienst in Suhr zu Ehren des dortigen Kirchenpatrons Mauritius einen Gastprediger lauthals der Lüge bezichtig, als dieser über die Heiligenverehrung und das Messopfer sprach. Weitere Streitigkeiten mit der Geistlichkeit in Aarau selber führten schliesslich 1524 zur Wegweisung Honolds aus Aarau.

Erste Täuferwelle vor der Reformation

Um 1524 sind in den Quellen erstmals auch in Aarau Taufgesinnte nachweisbar. Der unter dem Rufnamen «Pfistermeyer» bekannte Aarauer Bäcker (Pfister) Hans Meyer stieg Mitte der 1520er-Jahre zum führenden Täuferlehrer der Region auf. Zu Beginn seiner Predigttätigkeit scheint er noch nicht ein eigentlich Taufgesinnter gewesen zu sein. Bern gestattete ihm im Juni 1524 sogar, in seinem Haus Bibelzirkel abzuhalten. Das Predigen auf den Gassen solle er jedoch sein lassen.
Etwas später werden die beiden «Hutmacher» als Täufer erwähnt. Im August 1525 ist ein Bericht überliefert, dass sich Pfistermeyer und einer der Hutmacher (wahrscheinlich Heinrich Seiler) in Zollikon am See von Niklaus Guldi aus St. Gallen haben taufen lassen. Für diese Wiedertaufe wurde Pfistermeyer im Januar 1626 aus dem bernischen Herrschaftsgebiet verbannt und zwar unter Androhung strenger Strafen, sollte er seine Heimat wieder betreten.
Pfistermeyer hielt sich dann im Baselbiet, zeitweise auch in der solothurnischen Nachbarschaft Aaraus auf (Erlinsbach). Der andere Hutmacher war offenbar Heinrich Steffa, dem man im Frühjahr 1526 im Zürichbiet begegnet; er war, wie er in einem Verhör sagte, «von der Mess und Bilderen wegen» von Aarau vertrieben worden.
In Aarau lebte zu dieser Zeit eine weitere Täuferfamilie, und zwar die Ehefrau und der Sohn des Stadtschreibers Rudolf Senger. Wegen abgehaltenen Täufer-Versammlungen kamen mehrere Teilnehmer ins Gefängnis und wurden mit Geldstrafen belegt; auch die kranke Frau des Stadtschreibers wurde schliesslich in den kalten Turm geworfen. Besonders das als einfaches Gedächtnismahl im privaten Kreis gefeierte Abendmahl erregte bei den katholisch gesinnten Stadtbehörden Anstoss.
An einer dieser Versammlungen war der Täuferlehrer Jakob Gross aus Waldshut beteiligt. Dort empfing eine Teilnehmerin die Wiedertaufe, wofür sie später in die Verbannung gehen musste. Die Gnädigen Herrn in Bern sahen auf Intervention von Stadtschreiber Senger jedoch davon ab, die Strafen durchzusetzen. Seine Frau überlebte ihre bereits erwähnte Gefangenschaft nicht lange; sie starb  ohne die Sterbesakramente empfangen zu haben und wurde deshalb nicht auf dem Friedhof, sondern auf der Rütmatt ausserhalb der Stadt begraben.
Jetzt wurde es es für einige Jahre still um die Aarauer Täufer. Erst nach der Reformation sollten Pfistermeyer und der Hutmacher nochmals in Erscheinung treten.

Die Reformation in Aarau

Im Mai 1526 wollte der Berner Rat in Erfahrung bringen, wie sie sich künftig in Glaubenssache verhalten sollten, besonders, ob sie «die heiligen Sacrament, wie von alter har die gebrucht sind, fürer wellind in Bruch und Übung lassen beliben». Die Mehrheit der nach Bern geschickten Vertreter sprachen sich für den Verbleib beim alten Glauben aus, worauf Bern als Landesherrin in einem Mandat anordnete, dass künftig dem katholischen Glauben wie er in leicht angpasster Form im Reformationsmandat von 1525 (Pfingsmandat) festgelegt war «gevolgt, geläbt und one alle Widerred gestrax nachkommen wärde» und zwar unter Androhung von Strafen an Leib und Gut.
Bern selber blieb lange unbestimmt und lavierte hin und her. Erst 1527 erhielten die Reformationsbefürworter im Kleinen Rat die Mehrheit. Schon bald wurde das eben erwähnte Pfingsmandat aufgehoben. Es folgte eine erneute Umfrage in den Untertanengebieten. Die Meinungen waren gespalten.  Aarau legte sich nicht fest und überliess es der Obrigkeit, die richtige Entscheidung zu fällen. verschiedene Quellen verweisen in den letzten zwei Jahren vor der grossen Wende von Anfang 1528 auf innerstädtische Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen Alt- und Neugläubigen, aber auch über Massnahmen der Stadtbehörde gegen diese oder jene Religionspartei.

Mit dem Ausgang der Berner Disputation im Januar 1528 war die Trennung des bernischen Staates und seines Volkes von der katholischen Kirche besiegelt. Am 7. Februar 1528 erliessen Schultheiss und Rat zu Bern ihr umfassendes Reformationsmandat, das den Grundstein für die reformierte Kirche im bernischen Herrschaftsgebiet legte und die neue Ordnung zwingend vorschrieb.
Bern liess ihre Untertanen zudem über die Wahl der Glaubensrichtung abstimmen.
In Aarau war dies am 1. März 1528 der Fall. Zwei Berner Abgeordnete legten den im Rathaus versammelten Stimmfähigen die beschlossene Religionsänderung dar und begründeten sie. Die Auszählung der Stimmen ergab, dass 146 Personen für die Reformation, 125 für den Alten Glauben gestimmt hatten. Also keine überaus klare Situation. Dennoch wurde beschlossen, mit dem Läuten der Kirchenglocken aufzuhören und «die Altar abzuschlissen [=abzureissen] und die Bild hinweg zu thun».

Wegen der konfessionell geteilten Stadtbevölkerung entstanden 1528/29 innerhalb der Aarauer Bürgerschaft, zeitweilig auch zwischen Aarau und Bern, erhebliche Spannungen, z. B. wegen der unklaren konfessionellen Haltung wichtiger Persönlichkeiten wie etwa des Schultheissen Hans Ulrich von Heidegg, der weiterhin dem Alten Glauben anhing. 1529 trat er von seinem Amt zurück.

Und erneut machen Täufer von sich reden…

Bereits während der Berner Disputation hatten die Täufer wieder mehr von sich reden gemacht. So diskutierte der Zürcher Reformator Zwingli und weitere Theologen am 22. Januar 1528 in Bern mit gefangenen Täufern.  Unter diesen befand sich auch der Aarauer Täuferlehrer Pfistermeyer.
Die Täufer liessen sich jedoch nicht von ihren Lehren abbringen und wurden ausgewiesen. Die Obrigkeit erliess daraufhin ein scharfes Mandat gegen die Wiedertäufer, welche im Falle der Rückkehr, wenn sie sich nicht bekehren liessen, ohne alle Gnade sogleich ertränkt werden sollten.
Pfistermeyer sass im Juni 1529 wieder als Gefangener in Bern, kam aber frei und setzte sich ins Freiamt ab, wo er zahlreiche Anhänger hatte. Im März 1531 wurde er in seinem neuen Wirkungsgebiet auf Drängen Berns hin erneut verhaftet und nach Bern gebracht. Er erhielt die Gelegenheit, an einer Täuferdisputation teilzunehmen und sagte sich daraufhin vom Täufertum los.

Zu den Aarauer Anhängern Pfistermeyers gehörten offenbar die Gruppe Täufer, welche im August 1530 im Aarauer Gefängnis sassen und dann gebüsst oder ausgewiesen wurden. Heinrich Seiler, der Hutmacher, wurde nach seiner Verurteilung ertränkt, seine Frau ausgewiesen. Pfistermeyer war 1532 und 1538 an den beiden Täuferdisputation in Zofingen und Bern anwesend, ohne sich jedoch für seine frühere Glaubensüberzeugung zu äussern.

Schlussbemerkung

Die weitere Ausdehnung der Reformation auf andere eidgenössische Orte wurde mit der Niederlage der Neugläubigen im 2 Kappelerkrieg von 1531 gestoppt. Damals kippte auch die im benachbarten solothurnischen Gebiet bereits weit fortgeschrittene Reformation. Solothurn blieb dauerhaft katholisch.