Die Reformation im Aargau - Reformierte Landeskirche Aargau


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Die Reformation im Aargau

Die Eidgenossenschaft vor 1798 ist ein komplexes Gebilde. Die souveränen Orte besitzen neben ihren Kernterritorien Untertanengebiete, die sie im Laufe des Mittelalters erobert oder erworben haben.
Seit 1415 ist das Gebiet des heutigen Kantons Aargau dreigeteilt: Der Unteraargau ist Teil des bernischen Staates, das Fricktal gehört zu Vorderösterreich. Die Grafschaft Baden und die Freien Ämter unterstehen als „Gemeine Herrschaften“ mehreren eidgenössischen Orten. Die Gemeinen Herrschaften sind für innereidgenössische Angelegenheiten wichtig, denn für die Verwaltung und Führung dieser Gebiete braucht es Gemeinsamkeit. Jeder Ort stellt turnusgemäss den Landvogt. Hier geraten nun die reformierten und katholischen Orte erstmals aneinander. Der Adel hatte an Einfluss verloren, während die grossen Klöster, Muri, Wettingen, Einsiedeln, St. Blasien (Schwarzwald) etc., aufgrund ihrer grossen Besitztümer sehr viel Einfluss haben und viele Abgaben erheben.

Anfang des 16. Jahrhunderts sind die Probleme der Kirche unübersehbar geworden und beschäftigen die Bevölkerung: Ämterkauf in der Kirche (die einträglichen Pfründen werden unter der Führungsschicht gehandelt), der von Rom geförderte Ablasshandel, verdeckte Formen von Priesterehe und Konkubinatsfamilien, das liederliche Leben von Priestern und die Verrohung durch das Söldnerwesen, bzw. durch die aus den Kriegen für fremde Herren in ihre Heimatorte zurückkehrenden jungen Männer.

„Die Widerstände gegen die Missbräuche in der Kirche wachsen vor allem in den gebildeten Schichten der Städte. Auch die aargauischen Städte haben mit ihren Lateinschulen eine gut ausgebildete Oberschicht. Auf dem Land wird das «Familienleben» der Priester noch eher toleriert. Innerkirchliche Reformbestrebungen führen nicht zum Ziel.“ (Bruno Meier) „Im Gebiet des Kantons Aargau wirkte aber keine überragende Persönlichkeit, die die Reformation der damaligen Kirche an die Hand genommen und durchgeführt hätte. Es waren andere wenig bekannte Leute, die sich in den neun Jahren zwischen dem Beginn der evangelischen Predigt in Zürich (1519) und der Berner Reformation (1528) für reformatorisches Gedankengut im Aargau einsetzten.“ (Kurt Walti)

1519 tritt Ulrich Zwingli als Leutpriester am Grossmünster in Zürich an. Er kritisiert massiv die Missbräuche in der Kirche und prangert das Soldwesen in der Eidgenossenschaft an. 1523 überzeugt er die politischen Behörden in Zürich, die Kirche von Grund auf neu zu gestalten, die Zürcher Reformation setzt sich durch. Zwingli schart viele Anhänger um sich, etliche davon auch aus der Grafschaft Baden und den Freien Ämtern. Die Landvögte in den Gemeinen Herrschaften und anderen Untertanengebieten befördern oder behindern, je nach Herkunft, das Ausbreiten der Reformation.
Einige Beispiele für das Wirken reformierten Gedankenguts im Aargau:
  • Magister Johann Fry, Dekan und Pfarrer auf dem Staufberg, veranlasst, dass der berüchtigte Ablasshändler Samson 1519 von Lenzburg weggeschickt wurde
  • Benedikt Tischmacher in Brittnau wird wohl als erster Pfarrer im Aargau wegen „unerhörter, seltsamer Reden“ in Bern verklagt
  • Georg Stäheli in Baden, verlässt 1520 die Stadt, schliesst sich Zwingli an und wird 1522 Pfarrer in Weiningen
  • Urban Wyss in Fislisbach verliert 1522 seine Pfründe, wird verhaftet und vom Bischof suspendiert, später wirkt er in Winterthur
  • Pfarrhelfer Bodmer in Zurzach wird wegen antikatholischer Äusserungen verklagt
  • Der Zürcher Landvogt in den Freien Ämtern, Thomas Meyer, 1523 bis 1525, fördert Zwinglis Gedankengut
  • Leutpriester Andreas Honold in Aarau und der Suhrer Pfarrer Johann Buchser werden zusammen mit dem „Wirt von Rupperswil“ in Bern angeklagt. Honold verliert 1523 seine Pfründe.
  • Heinrich Buchmann in Rohrdorf muss 1531 seine Pfründe verlassen.

Die Inneren Orte der Eidgenossenschaft wenden sich 1524 dezidiert gegen Zwingli. Die Landvögte beginnen, in der Grafschaft Baden und den Freien Ämtern reformatorische Bewegungen zu bekämpfen. Bern ist unentschlossen und befragt seine Städte und Ämter auch im Aargau. Die meisten sprechen sich für den alten Glauben aus. Die altgläubige Mehrheit der Tagsatzung veranstaltet 1526 ein Glaubensgespräch in Baden, die Badener Disputation. Zwingli weigert sich, daran teilzunehmen, weil er um seine Sicherheit fürchten muss.

Die Badener Disputation wird von der altgläubigen Mehrheit dominiert und zementiert lediglich die Differenzen.
Bern wendet sich 1527/28 unter der Führung von Berchtold Haller der Reformation zu und setzt sich gegen Widerstände in den Städten und auf dem Land durch, auch im bernischen Unteraargau.
1529 folgen Basel, Schaffhausen und die Stadt St. Gallen.
Der Landfriede nach dem ersten Zusammentreffen der katholischen Innerschweizer Kantone mit den reformierten Zürchern und Bernern in Kappel 1529, das noch friedlich beigelegt wird, überlässt es den Gemeinden in den Gemeinen Herrschaften, ihren Glauben selbst zu wählen. Ab 1529 bricht sich die Reformation in vielen Orten in der Grafschaft Baden und den Freien Ämtern Bahn. Die Mönche des Klosters Wettingen treten zur Reformation über. Die Landbevölkerung erhofft sich vielerorts durch die Reformation wirtschaftliche Entlastung wie die Abschaffung der Zehnten, allerdings vergeblich. In Bremgarten predigt Heinrich Bullinger mit grossem Erfolg die Reformation. Er muss aber nach dem zweiten Kappeler Krieg, 1531, mit seinen Anhängern nach Zürich fliehen
Die Stadt Baden bleibt katholisches Bollwerk, trotz zahlreicher reformierter Bäderkundschaft.

Nach dem Sieg der altgläubigen Orte im zweiten Kappeler Krieg und dem Tod Zwinglis wird im zweiten Kappeler Landfrieden der Grundsatz der konfessionellen Autonomie beschlossen: Jeder Ort soll frei über seine Konfession entscheiden. Die spezielle Schweizer Lösung des Glaubenskonflikts war eine pragmatische Koexistenz von zwei Glaubensgemeinschaften, den altgläubigen Katholiken und den neugläubigen Reformierten, in einer einzigen politischen Gemeinschaft, der Eidgenossenschaft. Offen blieb allerdings, was in den von reformierten und katholischen Orten gemeinsam verwalteten Gemeinen Herrschaften geschehen sollte. Die altgläubigen Orte, die sehr viel öfter turnusgemäss die Landvögte stellen, bringen dort die Reformation zum Stehen bzw. machen sie rückgängig.

Die Freien Ämter werden unter Führung des Klosters Muri vollständig rekatholisiert. In der Grafschaft Baden verbleiben allerdings reformierte Minderheiten (ähnlich wie im Thurgau) in den Gemeinden Birmenstorf und Gebenstorf, Würenlos, Zurzach, Tegerfelden/Unterendingen (siehe „Aargauer Reformationsgeschichten“).
Dietikon wird wieder katholisch, Schlieren bleibt reformiert. Die Grafschaft Baden und die Freien Ämter bleiben bis 1712 politisches Pfand der katholischen Orte gegen Zürich und Bern.


Quellen:
Bruno Meier: Reformation im Aargau. Eine historische Einführung, Referat in Fischingen, Mai 2015
Dominik Sauerländer: Reformation damals, Vortrag anlässlich der Kirchenpflegetagung 2016 in Muhen (Link zum PDF, 91 kb)
Kurt Walti: Die Anfänge der Reformation im Aargau in „Vom Werden und Wirken der der Kirche“ (Link:)


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