Ansichten November - Reformierte Landeskirche Aargau


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Eröffnung Gottesdienst im Grossmünster
Mit einem Gottesdienst im Grossmünster Zürich wurde der internationale Kongress zum Reformationsjubiläum feierlich eröffnet
Foto: SEK / Gion Pfander

Das Jubiläum und die Ökumene – Einsichten aus einem internationalen Kongress

anSichten - Christoph Weber-Berg - November a+o

Vor rund einem Jahr bezeichnete Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, die katholisch-protestantische Ökumene als vorerst gescheitert und rief dazu auf, sich vermehrt der innerprotestantischen Ökumene zuzuwenden. Vielerorts wurde er dafür kritisiert. Auch ich gehörte zu jenen, welche diese Aussage nicht einfach so unterschrieben hätten. Heute, nach dem internationalen Kongress zur Vorbereitung auf das 500-Jahr Jubiläum der Reformation, der Anfang Oktober in Zürich durchgeführt wurde, sehe ich es etwas anders.

Der Kongress mit 250 Teilnehmenden aus 30 Nationen zeigte deutlich, wie wichtig es ist, die innerprotestantische Ökumene zu pflegen und welche Chancen sie den Kirchen eröffnet. Die Notwendigkeit zeigte sich darin, dass zum Beispiel noch nicht allen protestantischen Kirchen und ihren jeweiligen Vertreterinnen und Vertretern klar ist, wie vielfältig und international, ja global sich der Protestantismus darstellt.

Mit sehr viel Recht bezeichnet sich Luthers Herkunftsland Sachsen als «Mutterland der Reformation». Mit dem gleichen Recht könnten allerdings auch Zürich und Genf diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen. Doch viel wichtiger ist das Bewusstsein, dass in der ganzen Welt Protestanten in verschiedensten Färbungen leben: Reformierte, Lutheraner, Unierte, Methodisten, Presbyterianer und Evangelische verschiedenster Denominationen. Es geht also nicht um Besitzansprüche, denn «die Reformation gehört niemandem», wurde am Kongress betont. Der Protestantismus ist da zu Hause, wo Menschen sich von der Freiheit des Evangeliums inspirieren lassen. Das zu entdecken, und die Einheit in der Vielfalt zu feiern, ist die Chance der Feierlichkeiten ab dem Jahr 2017 (500 Jahre 95 Thesen von Luther). Locher hat also Recht, wenn er uns einlädt, die innerprotestantische Ökumene intensiver zu pflegen.

Verpasste Chance für die Ökumene

Locher hat aber leider nicht nur mit der Betonung der innerprotestantischen Ökumene Recht, sondern auch mit der Feststellung, dass die protestantischkatholische Ökumene als vorerst gescheitert zu betrachten sei. Kardinal Kurt Koch, Ökumenebeauftragter des Vatikans und ehemaliger Bischof von Basel, nutzte die Gelegenheit, die ihm in der feierlichen Abschlussveranstaltung des Kongresses geboten wurde, lediglich zur Wiederholung früherer Behauptungen: dass die Reformation gescheitert sei, da sie nicht zu einer reformierten Kirche, sondern zu einer Kirchenspaltung geführt habe. Er hob ausserdem hervor, dass der heilige Franziskus von Assisi schon lange vor Luther ein grosser Reformer der Kirche gewesen sei.

Wenn das so gewesen wäre, müsste man sich fragen, warum dann die katholische Kirche Anfang des 16. Jahrhunderts so reformbedürftig war? Wenn Luther als «heiliger Martin von Wittenberg» in die Tradition eingegangen und keine Kirchenspaltung provoziert hätte, dann wäre wohl auch die heutige katholische Kirche nicht da, wo sie ist, denn das protestantische Gegenüber hat auch in ihr einiges bewegt. Kardinal Koch hat die Chance verpasst, mit Blick auf die 500-Jahr-Feier der Reformation die ihm entgegengestreckte Hand zu ergreifen. Die Amtsökumene ist tatsächlich als gescheitert zu betrachten.

Doch es gibt ein grosses «Aber»: Die landeskirchliche Ökumene lebt. Und das macht Hoff nung. Die Zusammenarbeit zwischen reformierten und katholischen Kirchgemeinden und Pfarreien und zwischen den Landeskirchen in unserem Kanton funktioniert und wird geschwisterlich gepflegt. Wenn auch noch keine Abendmahlsgemeinschaft möglich ist, so zeigt das kirchliche Leben, dass die Einheit der unsichtbaren Kirche bei aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit
der sichtbaren Kirche möglich ist.

Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident


Aufgeschaltet am 4. November 2013
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