anSichten Christoph Weber Berg - Reformierte Landeskirche Aargau


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Der nötige Überblick

anSichten - Christoph Weber-Berg - Oktober a+o

Neulich durfte ich in einem Seminar mit Theologie Studierenden Red und Antwort über die Aufgaben und Tätigkeiten eines Kirchenrats stehen. Da fragte ein Student wie es möglich sei, als Kirchenratspräsident den Überblick zu behalten über alles, was in der Reformierten Landeskirche Aargau laufe: über die gesamten Projekte und Aufgaben der Mitarbeitenden, die Geschäfte der Synode und alle Anliegen, die aus den Gemeinden an mich herangetragen werden.

Zunächst war ich erstaunt über die Frage. Das hatte ich mir noch nie überlegt! Einen kurzen Moment lang wurde es mir Angst und Bange: Habe ich den Überblick überhaupt? Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf, lauter Sachen, die ich noch zu erledigen hatte, Menschen, die ich anrufen sollte, Dossiers, die in meinem Pendenzenfach liegen, unbeantwortete E-Mails in meinem elektronischen Postfach ... «Gute Frage» antwortete ich, wie man es gern tut, wenn man sich noch einen Augenblick Zeit verschaffen will.

Es wurde mir klar: den vollständigen Überblick kann und werde ich nie haben. Ist das nun ein Fehler? Hat das schwerwiegende Folgen? Da kamen mir die vielen Mitarbeitenden in den Landeskirchlichen Diensten in den Sinn, meine Kollegin und meine Kollegen im Kirchenrat, die Mitglieder der Synode und der beiden Kapitel: Sozialdiakone und Pfarrerinnen, Kirchenpflegemitglieder und Freiwillige in den Gemeinden. Hunderte von Menschen, die unsere Kirche mittragen: Ihr Feiern, ihr Denken, ihr mitmenschliches Handeln. Und mir wurde klar: das ist Kirche! Jede und jeder trägt an ihrem oder seinem Ort unsere Kirche mit. Es braucht keiner den vollständigen Überblick zu haben.

Aber wir brauchen das Vertrauen darauf, dass Gott uns in dem, was wir für seine Kirche tun, trägt, dass er den «Überblick » hat. Das kann unser gegenseitiges Vertrauen stärken. Und es kann unser Vertrauen in eine Kirche stärken, die lebt und vibriert, obwohl, oder vielmehr weil keiner von uns die totale Kontrolle hat. Paulus hat dazu im zwölften Kapitel des Römerbriefs das einprägsame Bild
vom einen Leib mit vielen Gliedern geschaffen. Jeder Teil des Körpers ist auf die anderen angewiesen: Das Auge muss nicht hören können, der Kopf kann nicht zu den Füssen sagen: «Ich brauche euch nicht», wie Paulus den Vergleich im 1. Korinther 12 weiter ausführt. Das entlastet uns vom unmenschlichen Anspruch, alles wissen, alles können und alles kontrollieren zu können. Nicht nur Führungskräfte können an diesem Anspruch scheitern. Unsere unruhige Zeit – oder am Ende vielleicht auch wir selber – verlangt von jedem und jeder ständige Erreichbarkeit, ständige Verfügbarkeit und hektische Emsigkeit. Wer nicht «im Stress» ist, macht keinen gutenEindruck, läuft Gefahr, dass seine Arbeit nicht mehr richtig geschätzt wird. Vertrauen darauf, dass wir uns gegenseitig tragen und unterstützen, selbst wenn wir uns ab und zu übereinander ärgern müssen oder an eigenen und fremden Ansprüchen scheitern: Das ist ein Spiegel des Vertrauens, das Gott uns schenkt.

Ach ja: und wenn ich mir in wichtigen Geschäften rasch und zuverlässig einen Überblick verschaffen will, so haben wir in den Landeskirchlichen Diensten Menschen, Mittel und Möglichkeiten, die mich jederzeit darin unterstützen.

Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident




Aufgeschaltet am 15. Oktober 2013
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