Gedanken zur Jahreslosung 2013 von Rainer Jecker


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Gedanken zur Jahreslosung 2013

«Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.» (Hebräer 13,14)


Als ein Mann einen polnischen Rabbi besuchte, sah er, dass die Wohnung des Rabbi aus einem einzigen Zimmer bestand, in dem sich nur Bücher, ein Tisch und eine Bank befanden. Er fragte verwundert: «Rabbi, wo haben Sie Ihre Möbel?» – «Wo haben Sie Ihre?» erwiderte der Rabbi. «Meine?» fragte der verblüffte Fremde. «Aber ich bin doch auf der Durchreise.» – «Ich auch», sagte der Rabbi.
«Rabbi, wo haben Sie Ihre Möbel?» Wenn ich mit dem Zug zur Arbeit fahre oder auf Reisen bin, sitze ich gerne am Fenster und lasse die Welt vor meinen Augen vorbeiziehen – aus wechselnden Perspektiven, wie sie Mani Matter besungen hat. Landschaften flitzen vorbei, Seen und Wälder, Häuser und Wohnungen, Dörfer und Kleinstädte. Ich liste mir auf, was bei uns zum Wohn- und Wohlstand zählt, und stelle mir vor, die unzähligen Inventare am Bahndamm entlang zügeln zu müssen. Ein Zimmer mit Büchern, ein Tisch und eine Sitzbank wird es bei den meisten nicht sein.
Ja, wir häufen Einiges an im Lauf der Zeit. Paradoxerweise ist damit nicht automatisch ein Gefühl von Sicherheit verbunden. Unser Hab und Gut – Altersvorsorge inbegriffen – kann viel Unsicherheit auslösen. Unsicherheiten, die wieder nach neuen Absicherungen rufen. Wie aus einer anderen Welt tönt das Wort Jesu: «Sorget euch nicht!»
Die innere Uhr nimmt Veränderungen des Lichteinfalls wahr. Im Hochsommer fühlt sich Zeit anders an als vor der Wintersonnenwende. In unseren Breitengraden ist es vielleicht der Herbst, der uns am stärksten daran erinnert, dass wir auf Zeit existieren, dass wir Passanten sind in dieser Welt, dass wir auf der Durchreise sind: Zugvögel auf der Suche nach dem künftigen Ort.
Christliche Theologie ist seit Jahrhunderten bemüht, diese Durchreise zu buchstabieren. Sie versucht zu definieren und zu dogmatisieren. Aus meiner Sicht müsste es beim Buchstabieren bleiben. Mir gefällt der religions- und theologiekritische Gedankengang im Referat von von Fulbert Steffensky am Kongress in Aarau: «Die Grundgefahr religiöser Systeme ist, dass sie sich nicht endlich denken können. Sie sind immer in der Gefahr, sich selber Gottesprädikate zuzulegen: sie sind die allein seligmachenden, ausserhalb von ihnen gibt es kein Heil, sie sind die Wahren, und ausserhalb von ihnen ist nur Lüge und Abfall. … Der Verlust der Endlichkeit ist der Verlust der Geschwisterlichkeit. Nur endliche Wesen sind geschwisterliche Wesen.»
Wir sind hier nur auf der Durchreise: das gilt auch und vielleicht zuerst für alles theologische Bemühen.

Rainer Jecker


Aufgeschaltet am 2. Januar 2013
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Die Jahreslosung wird ausgewählt von der «Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen» in Deutschland. Die ÖAB erstellt jährlich einen Bibelleseplan, der in vier Jahren durch das Neue Testament und in acht Jahren durch das Alte Testament führt. Aus diesen Texten wird seit 1970 die Jahreslosung ausgewählt.