Uneinigkeit in Sachen Gewalt (kurze Version) – Podiumsdiskussion zum Auftakt des Kongresses «Gesichter der Gewalt» in Aarau - Reformierte Landeskirche Aargau


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Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg begrüsst in Aarau zur Auftaktveranstaltung des Kongresses "Gesichter der Gewalt"
Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg begrüsst in Aarau zur Auftaktveranstaltung des Kongresses "Gesichter der Gewalt"
Foto: Markus Hässig

Uneinigkeit in Sachen Gewalt – Podiumsdiskussion am Kongress

Medienmitteilung vom Kongress, 9. November 2012 - kurze Version

«Gibt es einen Konsens über Werte, die Gewalt verhindern und zu Frieden führen?» diskutierte am Freitagabend ein Podium zur Eröffnung des Interdisziplinären Kongresses «Gesichter der Gewalt» der Reformierten Landeskirche Aargau in Aarau. Die Diskussion mit Claudia Bandixen, Cebrail Terlemez und Hans Ulrich Gerber, die von AZ-Chefredaktor Christian Dorer moderiert wurde, zeigte: Es harzt.


Die Kirche wolle Gastgeberin für eine relevante gesellschaftliche Debatte sein, erklärte Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg vor ca. 70 Gästen im Kultur- und Kongresshaus Aarau zu Beginn. Dass diese Debatte noch lange nicht zu Ende geführt ist, zeigte der erste Abend des Kongresses über «Gesichter der Gewalt» und Ideen, wie ihr zu begegnen ist. Die Radiomoderatorin Ladina Spiess führte mit speziellen Gedanken zum Thema Gewalt durch das Programm. Vor der Podiumsdiskussion führten drei Politiker aus dem Kanton aus, wie das Thema in ihrer Partei gewichtet wird – und demonstrierten dabei eine grosse Bandbreite.
Die FDP stelle die Sicherheit ins Zentrum, sagte der Aargauer Grossrat Thierry Burkart, und diese baue auf einem christlichen Wertefundament auf. Er stellte fest: «Das Volk hat das Gefühl, dass die Täter zu wenig hart angepackt werden. Da haben wir Nachholbedarf».
Yvonne Feri, Nationalrätin der SP, ortete – nicht zuletzt aufgrund ihres Engagements bei Terre des Femmes und im Frauenhaus Aargau – viel Aggression in der Gesellschaft, zwischen den Geschlechtern und unter Jugendlichen. Es fehle an männlichen, emanzipierten Vorbildern für Jugendliche und es brauche einen Aktionsplan für die Gleichstellung von Frau und Mann, aber auch für die bessere Integration von Migranten.
SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner erinnerte daran, dass die Kirche ein gewaltiges Mittel hätte, um gegen Gewalt vorzugehen: die Zehn Gebote. «Wer die kennt und befolgt, braucht keine Gewalt.» Die Schweiz sei ein christliches Land, betonte er und: «Wir müssen als Christen für unsere Werte hinstehen und missionieren.»

Podiumsdiskussion zum Verhältnis von Religion und Gewalt

Doch gibt es einen Konsens zu grundlegenden gesellschaftlichen Werten, die Gewalt verhindern können? Diese Frage stellte Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung» den drei Podiumsteilnehmern Claudia Bandixen, ehemalige Kirchenratspräsidentin der Aargauer Landeskirche und nun Präsidentin von Mission 21 in Basel, Cebrail Terlemez, Geschäftsleiter des Instituts für interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog in Zürich sowie Hans Ulrich Gerber, Geschäftsführer von Ifor Schweiz. Auf dem Podium zumindest schien in einigen Fragen ein Konsens zu bestehen. So waren alle drei Teilnehmer der Meinung, dass Gewalt nicht einer Glaubensgemeinschaft zugeschrieben werden kann, sondern eher den Umständen, in denen sich ein Individuum befindet. Gerber kritisierte jedoch, dass die Kirche zu wenig Stellung beim Thema Gewalt nimmt (vor allem auch bei Kriegen wie im Irak) und sich nur mangelhaft für Gewaltfreiheit einsetzt. Bandixen sah das anders, die Kirche leiste diesbezüglich grosses Engagement, so habe man mit den Muslimen im Aargau beispielsweise jahrelang in einem Friedensprojekt kooperiert. Sie erinnerte jedoch daran, dass man der Religion zu viel in die Schuhe schiebe. DEN Muslim gebe es genauso wenig wie DEN Christen.
Terlemez wehrte Giezendanners Vorwurf ab, die Muslime wollten die Schweiz islamisieren. Das sei Angstmacherei und hätte keine realen Grund: «Die Muslime beschäftigen sich nicht mit der Übernahme der Schweiz.» Der Vorwurf Giezendanners, im Koran werde zur Machtergreifung aufgerufen, wies er ebenfalls entschieden zurück und erinnerte daran, dass solche Aussagen im historischen Kontext zu sehen sind, in dem sie geschrieben wurden. Gerber erinnerte daran, dass es immer wieder religiös begründete Gewalt gegeben habe, das grösste Unwesen habe aber in der Geschichte bisher das Christentum getrieben.
Während der Diskussion wurde mehrmals die Rolle der Medien kritisiert, die oft nur negativ über Menschen ausländischer Herkunft berichteten. Terlemez wünschte sich, dass in den Diskussionen rund um Gewalt nicht Bevölkerungsgruppen diffamiert, sondern mehr differenziert werde. Die Frage von Christian Dorer, ob es mehr Repression brauche, beantworteten alle auf dem Podium mit nein und betonten eher die Prävention, während der FDP-Politiker Burkart fand, dass man die Sorgen der Bevölkerung stärker berücksichtigen müsse, auch in der Kirche gebe es hier Aufholbedarf.

Installation der Killwanger Künstlerin Maude Vuilleumier
Drei Plakatwände führen die Gäste am Kongress, der den ganzen Samstag in fünf Referaten und drei Seminaren das Thema auffächern wird, in die Breite des Themas Gewalt ein. Sie zeigen auf, dass Gewalt im Kleinen beginnen und sich in einer Spirale zum Flächenbrand entwickeln kann – so wie es Mani Matter in «Ds Zündhölzli» singt – zu hören in einem gelben Telefon.

ria / F. Worbs
4777 Zeichen, 683 Wörter

19 Fotos


Aufgeschaltet am 10. November 2012
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