Fazit und Bericht des Kongresses «Gesichter der Gewalt» am 10. November in Aarau - Reformierte Landeskirche Aargau


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 Referat von Dr. Josef Sachs vor 150 Teilnehmenden am Kongress in Aarau
Referat von Dr. Josef Sachs vor 150 Teilnehmenden am Kongress in Aarau
Foto: Markus Hässig

«Wenn Menschen wollen, können sie um Punkt acht Uhr einen Krieg beenden» - Fazit vom Kongress

Fazit und Bericht des Kongresses «Gesichter der Gewalt» am 10. November in Aarau

Die Auslandskorrespondentin von Radio DRS, Iren Meier, brachte mit ihrem Fazit im Abschlussreferat die Ergebnisse des zweitägigen Kongresses der Reformierten Landeskirche am Samstag in Aarau auf den Punkt. In fünf Referaten, drei Seminaren und einer Podiumsdiskussion fragten 150 Fachleute aus Schule, Politik, Polizei, Psychologie und Sozialwissenschaften zusammen mit Verantwortlichen aus Kirche und Theologie nach den Hintergründen der verschiedenen Formen von Gewalt. Sie diskutierten Ansätze, um die mit dem Thema verbundene Ratlosigkeit zu überwinden. Die Reformierte Landeskirche Aargau wollte an diesem Anlass unterschiedliche gesellschaftliche und wissenschaftliche Kräfte miteinander Gespräch, um neue Ideen zu entwickeln.


Medienbericht vom Sonntag, 11. November 2012

Referate und Seminar am Samstag - Kongress in Aarau
Häusliche Gewalt, Gewalt im Umfeld von Fussballspielen oder an den Wochenenden auf den Strassen wird viel diskutiert, löst aber auch viel Ratlosigkeit aus. Die Reformierte Landeskirche Aargau nahm dieses Thema in einem interdisziplinären Gespräch an ihrem dritten Aarauer Kongress nach «Ganz Mensch bis zum Tod» (2008) und «Das Alter neu erfinden» (2010) am 9. und 10. November in Aarau auf. Moderiert wurde der Anlass von Radio-DRS-Redaktorin Ladina Spiess.

Die Bergpredigt - Revolution der Gewaltlosigkeit

Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg ging in seiner Einführung auf die christlichen Wertegrundlagen zum Menschen und zum Umgang mit Gewalt ein. «Das Erschreckende an den <Gesichtern der Gewalt> ist, dass sie unsere eigenen sein könnten», sagte Christoph Weber-Berg, denn Gewaltbereitschaft zeige sich nicht nur in körperlichen Verletzungen, sondern auch in beleidigenden Worten oder auch nur in Gedanken.
Der bekannte deutsche Theologe und Religionspädagoge Prof. Dr. Fulbert Steffensky nahm die christliche Thematik in seinem theologischen Referat «Gewalt – und das christliche Menschenbild» auf. Er stellte die Bergpredigt, in der Jesus seine Anhänger dazu auffordert, ihre Feinde zu lieben, ins Zentrum seiner Aufführungen. Diese Aufforderung widerspreche Gefühlen wie Wut oder dem Wunsch nach Rache, die für die Menschen selbstverständlich seien. In der Bergpredigt, wie auch in der Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin, spricht die Bibel den Menschen die Fähigkeit zu, solche Gefühle zu durchbrechen. Menschen können sich ändern, aus Feind- kann Freundschaft werden, Sünder haben das Recht, sich bessern – dies sei das christliche Menschenbild, wie es die Bergpredigt zeichnet. Insofern seien Todesstrafe und lebenslängliche Verwahrung mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar. Auf der Grundlage dieser Botschaft müssten Christen und Kirchen mehr Widerstand leisten, wenn Gewalt und Kriege öffentlich akzeptiert werden oder eine ungerechte Gesellschaft indirekt Gewalt auf benachteiligte Gruppen ausübt. Denn, so Steffensky, der Ursprung des Christentums war eine Revolution gegen herrschende Verhältnisse und «diesen Jesus wird die Kirche einfach nicht los».

Polizei und Psychologie
Regierungsrat Urs Hofmann konnte in seinem fundierten Grusswort an die vielfältigen Formen von alltäglicher Gewalt anknüpfen, mit denen Polizei oder Justiz in seinem Departement des Inneren zu tun haben. Die Diskussion über Gewalt sei hochaktuell und zugleich so alt wie die Menschheit selbst, meinte Urs Hoffmann. Immerhin stehe mit Kains Brudermord in Bibel ein Gewaltverbrechen ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte. Die Frage von Hoffmann, «ist Gewalt also eine Ureigenschaft des Menschen?» wurde später von Dr. med. Josef Sachs in dessen Psychologie-Referat beantwortet.
Der Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau kam zum Schluss, dass Gewalt unter Menschen schon immer normal gewesen sei. Eine gewaltfreie Gesellschaft habe es noch nie gegeben, wenn sich auch die anerkannten Formen und die Definition von Gewalt je nach Epoche und Kultur geändert haben. «Gewalt ist für den Menschen immer eine Option», meinte Sachs. Dass wir sie nicht öfters anwenden, sei eine Folge unserer Erziehung. Kleine Kinder haben noch keine Hemmungen, zu schlagen oder zu treten. Später entwickeln sie ein Gewissen und lernen, auf Gewalt zu verzichten. Den «geborenen Verbrecher», wie man ihn früher vermutete, gebe es nicht, so Sachs. Allerdings würden junge Männer häufiger gewalttätig als andere Bevölkerungsgruppen. Auch Suchtmittel oder psychische Erkrankungen wie Schizophrenie könnten die Gewaltbereitschaft steigern. In bestimmten Situationen, zum Beispiel wenn sie selbst oder ihre Familie bedroht werden, seien aber wohl die meisten Menschen zur Gewalt fähig.
Mit diesen alltäglichen Erscheinungen von Gewalt ist vor allem die Polizei konfrontiert, für die Irene Schönbächler, Polizeihauptmann der Aargauer Kantonspolizei, sprach. Unter dem Titel «Gewalt und der Staat als Ordnungsmacht» berichtete sie von den Erfahrungen mit häuslicher Gewalt, Gewalt im öffentlichen Raum oder auch Gewalt gegen die Polizei selbst, mit denen sie sich täglich konfrontiert sieht. Sie erläuterte das «3D-Modell» der adäquaten Reaktion mit Dialog, Deeskalation und schliesslich auch «Durchgreifen», an dem sich Polizisten orientieren. «Gewalt muss staatliche Konsequenzen haben, und zwar rasch und professionell», beschrieb Irene Schönbächler das Ziel der Polizeiarbeit. Sie fragte sich aber auch selbstkritisch, wie sie selbst mit der Aggression und dem Hass umgeht, den solche Erfahrungen in ihr auslösen. Dabei sei ihr der christliche Glaube eine grosse Hilfe.

Seminare zur Vertiefung
In drei Seminaren am Samstagnachmittag vertieften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzelne Themen im Gespräch mit zusätzlichen Referenten. Die Seminare deckten eine grosse thematische Bandbreite ab: Im Seminar zu Häuslicher Gewalt diskutierte Erwachsenenbildner Urs Becker mit der Polizistin Irene Schönbächler und der National- und Gemeinderätin Yvonne Feri, die schon an der Podiumsdiskussion zum Auftakt des Kongresses am Freitagabend teilgenommen hatte. Im Seminar zu Gewalt durch Jugendliche und in der Schule diskutierten unter der Leitung von Daniel Franz, Rektor der Neuen Kantonsschule Aarau, Karin Frey, Dozentin der Pädagogischen Hochschule FHNW, und Allan Guggenbühl, einer der Hauptreferenten. Im dritten Seminar dacht Christoph Weber-Berg zusammen mit Iren Meier, Josef Sachs und Fulbert Steffensky darüber nach, wer in der modernen Gesellschaft noch glaubhaft Werte vermitteln könne, und um welche Werte es dabei gehe.

Adoleszenz und internationale Konflikte
Der Kongress wurde von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz unterstützt und gab dem Thema «Jugend und Gewalt« besonderen Raum. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Lehrer, Psychologe und Psychotherapeut, ging von der Wahrnehmung aus, dass in den Medien Jugend und Gewalt häufig gleichgesetzt würden. «Das stimmt natürlich nicht,» meinte Guggenbühl. Aber tatsächlich besässen Jugendliche eine besondere Faszination für Risikosituationen, Tabubrüche und damit auch für Gewalt, was sich in ihrer Vorliebe für gewaltverherrlichende Computerspiele oder Musik zeige. Zudem lebten Jugendliche in der Adoleszenz nach anderen Werten als Erwachsene. Während Ältere auf Sicherheit und Gesundheit setzen würden, suchten junge Leute das Risiko, Dynamik und besondere Erlebnisse. Diese zu finden, sei in unserer gesättigten mitteleuropäischen Gesellschaft, in der ältere Leute die Mehrheit bilden und dadurch die Werte bestimmen, schwieriger geworden. Zudem wollen sich Jugendliche von den Erwachsenen abgrenzen und sie mit Tabubrüchen bewusst provozieren. «Jugendliche brauchen Momente, in denen die Funken sprühen und viele haben kein Problem mit Gewalt», sagte Guggenbühl. In der heutigen Welt, in der sich viele Eltern betont jugendlich geben, aber nach Sicherheit suchten, könne Gewalt der Provokation dienen, denn «Erwachsene reagieren mit Panik auf Gewalt», und damit erhalten Jugendliche die besondere Aufmerksamkeit, die sie eigentlich suchten.

Einen beklemmenden und nachdenklich stimmenden Schlusspunkt des Kongresses setzte Iren Meier, langjährige Auslandkorrespondentin von Radio DRS, mit ihrem Referat über «Erfahrungen in verschiedenen Kulturen und Brennpunkten der Welt» Sie berichtete von Begegnungen mit Menschen in Albanien, Irak, Beirut und Ägypten, die alle mit dem Krieg konfrontiert wurden – «der schlimmsten Form von Gewalt, die vom Menschen selbst gemacht wird», wie es Iren Meier ausdrückte. «Der Krieg kann moralische Werte, die zuvor jahrelang gegolten haben, von einem Tag auf den anderen zerstören.» Erlebnisse wie Folter oder Verbannung prägen die betroffenen Menschen auch noch lange nach dem Krieg, zumal sie auch von der Welt oft nicht verstanden werden. «Wir neigen dazu, ganze Völker und Kulturen in eine Schublade zu stecken.» Vor allem im Irak haben auch die europäischen Nationen viel Glaubwürdigkeit verloren, weil sie zwar von Demokratie reden würden, in Wirklichkeit aber nur ihre eigenen Interessen verfolgten. Am eindrücklichsten zeigte ihr der Morgen, an dem der Waffenstillstand zwischen Libanon und Israel in Kraft trat und von einer Minute auf die andere keine Bomben und Geschosse mehr explodierten, dass der Krieg von Menschen gemacht ist: «Wenn Menschen wollen, können sie um Punkt acht Uhr einen Krieg beenden.»

Installation der Killwanger Künstlerin Maude Vuilleumier
Eine Installation der Killwanger Künstlerin Maude Vuilleumier mit drei Plakatwänden zum Thema «Gewalt beginnt bei mir» führte die Gäste am Kongress ganz persönlich in die Breite des Themas ein. Sie zeigen auf, dass Gewalt im Kleinen beginnen und sich in einer Spirale zum Flächenbrand entwickeln kann – so wie es Mani Matter in «Ds Zündhölzli» singt – zu hören in einem gelben Telefon.

ria / F. Worbs, Béatrice Koch
9536 Zeichen, 1329 Wörter

20 Fotos


Aufgeschaltet am 11. November 2012
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