Kongress Aarau Samstag 2010 - Reformierte Landeskirche Aargau


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Das Publikum redete mit am Kongress der Reformierten Landeskirche in Aarau am 6. November
Foto: Markus Hässig

Neue Perspektiven für die veränderte dritte Lebensphase - langer Bericht vom Samstag

Bericht vom Kongress «Das Alter neu erfinden» am 5. und 6. November in Aarau
 
Noch nie wurden so viele Menschen so alt wie heute.  Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Gesellschaft hat, diskutierten Fachleute aus verschiedenen Bereichen und der reformierten Kirche an einem Kongress am 5. und 6. November in Aarau. Organisiert hatte den Anlass die Reformierte Landeskirche Aargau.


«Körperliche Beschwerden, Demenz und Pflegebedürftigkeit, hohe Kosten, Überalterung: Das Älterwerden ist mit meist negativen Vorstellungen verbunden. Tatsächlich hat sich aber eine Gruppe von «neuen Alten» zwischen 60 und 80 Jahren entwickelt, die diesen Lebensabschnitt aktiv gestalten möchte und aufgrund der guten Gesundheit auch kann. Das «neue Alter» war Thema des Kongresses «Das Alter neu erfinden – ein Megatrend und seine Auswirkungen», den die Reformierte Landeskirche Aargau am Wochenende durchführte. Im Kultur- und Kongresshaus Aarau diskutierten Fachpersonen aus Wirtschaft, Kirche, Soziologie und Psychologie. Der Haupttenor am Ende des Kongresses, an dem rund 350 Personen teilnahmen, lautete: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und nicht zuletzt «die Alten» selbst müssten lernen, das Alter nicht nur als Problem, sondern auch als Chance auf neue Lebensstile und Formen des Zusammenlebens zu verstehen. Moderiert wurde der Anlass von Brigitta Rotach, Theologin und Gesprächsleiterin der Sendung «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens.

Ausgangspunkt des Kongresses war die demografische Entwicklung: Die Bevölkerung wird immer älter – und das häufig bei guter Gesundheit und sicheren finanziellen Verhältnissen. «Noch nie konnten die Menschen so gut alt werden wie heute», betonte der St. Galler Soziologieprofessor Peter Gross in seinem Einstiegsreferat zum Kongress. Und noch nie lebten so viele Generationen miteinander, was durchaus positiv sei: «Diese Generationenverbände bilden ein robustes gesellschaftliche Rückgrat.» Die Lebenserwartung steigt, die Zeit nach dem Ende des Berufslebens wird immer länger. Für diese Zeit gebe es keine Vorbilder oder Rollenbilder.
 
Diese Zeit müsse neu «gestaltet» werden, bestätigte auch François Höpflinger, Soziologieprofessor an der Uni Zürich, an einer Podiumsdiskussion am Freitagabend. Auffällig ist: «Die Diskrepanz zwischen biologischem und gefühltem Alter wird grösser. Je älter man tatsächlich ist, desto weniger nimmt man das eigene Alter wahr.» Das gelte insbesondere für die so genannten «Babyboomer», die Nachkriegsgeneration, die einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung miterlebt hat und gewohnt ist, ihr Leben selbst zu bestimmen. «Die Babyboomer fühlen sich immer jung, auch wenn sie alt sind», sagte Höpflinger, der selbst zu dieser Generation gehört. Werbung und Institutionen müssten daher in neuen Kategorien denken, um ihre Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. «Bei <Altersresiden> fühlen sich Leute bis 80 Jahren nicht angesprochen.»

Jeder altert anders
Wann ist jemand überhaupt alt? Mit 60, mit 80 oder erst im Zustand der Pflegebedürftigkeit? «Das Alter gibt es nicht», sagte Martin Mezger, Theologe und Fachmann für praktische Altersfragen, in seinem Referat «Alter und Alltag» am Samstagvormittag. Jeder altere anders: «Das Alter betrifft Individuen, die nur eines gemeinsam haben, nämlich dass sie früher geboren wurden als andere.» Das Leben sei ein «Wildwuchs», und das gelte logischerweise auch für das Alter: «Man wird im Alter nicht plötzlich zu einem bestimmten Typus Mensch, zum Senior.» In diesem Sinn seien «drittes» und «viertes Lebensalter» oder «Hochbetagte» lediglich Hilfsbegriffe, derer sich Fachleute bedienten, um die Thematik einzuordnen. Eines allerdings lasse sich allgemein beobachten, meinte Mezger: «Je älter wir werden, desto mehr werden wir uns selbst – mit allen guten und schlechten Eigenschaften.»

Umfragen belegen, dass die Zufriedenheit der Bevölkerung mit steigendem Alter zunimmt, ja nach 60 Jahren sogar am höchsten ist. Trotzdem ging es am Kongress in Aarau nicht darum, das Alter schönzureden. Schliesslich sei Altern tatsächlich nicht immer lustig, sagte die Psychologin Julia Onken in ihrem mit Spannung erwarteten Schlussreferat über die «Kunst des Älterwerdens». Körperliche Schwächen sind real, ebenso das Problem der Finanzierbarkeit. Die Frage sei, wie mit dieser Realität umzugehen sei. «Wichtig ist, dass man diese Klischees nicht einfach nachbetet, dass man nicht immer auf den alten Trampepfaden im Gehrin bleibt», sagte Onken. Viele ältere Menschen – und das betrifft vor allem die Frauen – haben Mühe, die körperlichen Veränderungen, den Zerfall der Schönheit, zu akzeptieren. «Im Spiegel sehe ich eine alte Frau, im Inneren fühle ich mich aber noch jung», beschreibt Onken ihre Erfahrungen. Das bedeute jedoch, dass das innere Bild unvergänglicher sei als das äussere – und damit wichtiger. Es sei besser, die Zeichen des Älterwerdens zu akzeptieren, statt sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. «Das heisst auch, dass man zu sich selbst Ja sagt», so Onken.
 
Die Grazie des Sitzens und Liegens entdecken
In eine ähnliche Richtung gingen die Ausführungen der 84-jährigen evangelischen Theologin und Autorin Elisabeth Moltmann-Wendel aus Tübingen. Sie plädierte dafür, «die Dinge der Jugend mit Grazie aufzugeben». Auch in der Jugend sei nicht alles nur einfach gewesen: «Die Jugend ist eine Zeit voller Zwänge und Druck». Das Alter könne hier eine neue Freiheit bieten, indem man gut zu sich selbst ist, die Grenzen des Körpers anerkennt und sich das Leben selbst einfacher mache. «Man braucht nicht mehr alles mitzumachen.» Gleichzeitig warnte sie vor Klischees, die einen selbst einschränken: «Ich finde es schade, wenn jemand etwas nicht tut, nur weil er denkt, das gehöre sich nicht für sein Alter.»
 
Die körperlichen Einschränkungen des Alters könne man in einer neuen Philosophie der Körperhaltungen positiv fassen: Würde im Erwachsenenalter das aufrechte Stehen als wichtigstes Zeichen der Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit angesehen, so müsse man im Alter einmal das Sitzen zumindest «mit aufrechtem Kopf» selbstbewusst ausführen, wenn die Beine nicht mehr so mitmachen. Und schliesslich gelte es, die «Grazie des Liegens» zu entdecken, mit dem sich der Kreis zum Säugling am Anfang des Lebens schliesse. Und das Liegen verweist auf die Kraft und Ausstrahlung des liegenden Gotteskindes in der Weihnachtsgeschichte, in dem die grosse christliche Verheissung liegt.
 
Mit zunehmender Lebenserwartung steigt auch der Anteil der Pflegebedürftigen. «Sie werden immer noch als Randgruppe behandelt», meinte Martin Mezger. Dabei sei die Gruppe mittlerweile so gross, dass man nicht umhin komme, sie als vollwertigen Teil der Gesellschaft zu akzeptieren und ihre Anliegen ernst zu nehmen.  Und Elisabeth Moltmann-Wendel betonte: «Pflegebedürftigkeit sollte einfach zum Leben gehören. Schliesslich sind wir alle vollkommen pflegebedürftig, wenn wir zur Welt kommen».

Neue Räume öffnen
Auch für die Kirche stellt sich die Frage, wie sie auf die Bedürfnisse der «neue Alten» eingehen soll. «Wir brauchen einen neue Zugang zu den älteren Menschen», erklärte Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Landeskirche Aargau in ihrem Begrüssungswort. Ralph Kunz, Theologieprofessor an der Universität Zürich, nannte als Beispiele für die neue kirchliche Altersarbeit das Erzählcafé und die Schreibwerkstatt. Beides wird in einzelnen Kirchgemeinden bereits mit Erfolg durchgeführt. Es handelt sich um generationenübergreifende Anlässe, an denen sich die Teilnehmer aktiv beteiligen. «Die Leute kommen, weil sie Interesse an dem Angebot haben, nicht, weil sie alt sind.» Die bisherige Praxis der kirchlichen Altersarbeit mit Carfahrten, Diavorträgen und Seniorennachmittagen finde sicher auch immer noch ihr – immer älter werdendes – Publikum. «Aber es braucht einen Wandel.» Die Alten werden die Kirche nicht neu erfinden, aber sie werden ganz neue Räume in ihr öffnen, prophezeite Kunz.

Am Samstag fanden neben den Referaten insgesamt fünf Seminare – zwei davon in den Säälen des Kinos Schloss – statt. Sieben Fachleute diskutierten zusammen mit den Referentinnen und Referenten aus dem Hauptprogramm und den Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern  über Themen wie «Religion und Spiritualität im Alter» oder «Sucht, Einsamkeit, Gewalt – die Schattenseiten des Golden Age», «die gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen», die Konsequenzen für kirchliche Angebote und die Frage «wie gehen Frauen und Männer mit Gesundheit, Sex und Gebrechlichkeit im Alter um?».
 
Der Politik zuvor gekommen
Dass sich die reformierte Landeskirche Aargau mit den «Veränderungen des Alters» ein aktuelles Thema für ihren diesjährigen Kongress ausgesucht hat, bescheinigte ihr die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli in ihrem Grusswort. Ihr Department werde im kommenden Frühling einen Kongress zum selben Thema durchführen, liess die Gesundheitsdirektorin verlauten. «Hier ist uns die Kirche zuvorgekommen.» Die Reformierte Landeskirche Aargau selbst wird sich an der Synode am 19. Januar 2011 ausführlich mit dem Thema «Das Alter neu erfinden» und seinen Auswirkungen für die Kirche beschäftigen.



Meldung verfasst von: Beatrice Koch / Frank Worbs.



Aufgeschaltet am 7. November 2010
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