Kongress Aarau gesamt 2010 - Reformierte Landeskirche Aargau


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Elisabeth Moltmann-Wendel referiert vor 350 Gästen am Kongress der Reformierten Landeskirche Aargau am 6. November in Aarau
Foto: Markus Hässig, Fotoagentur Sinus Aarau

Neue Perspektiven für die veränderte dritte Lebensphase - Kurze Version für die Medien

Bericht vom Kongress «Das Alter neu erfinden» am 5. und 6. November in Aarau
 
Noch nie wurden so viele Menschen so alt wie heute.  Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Gesellschaft hat, diskutierten Fachleute aus verschiedenen Bereichen und der reformierten Kirche an einem Kongress am 5. und 6. November in Aarau. Organisiert hatte den Anlass die Reformierte Landeskirche Aargau.
«Körperliche Beschwerden, Demenz und Pflegebedürftigkeit, hohe Kosten, Überalterung: Das Älterwerden ist mit meist negativen Vorstellungen verbunden.


Medienmitteilung vom Sonntag, 7. November 2010

Menschen zwischen 60 und 80 Jahren, die «neuen Alten» wollen heutzutage diesen Lebensabschnitt aktiv gestalten möchte und aufgrund der guten Gesundheit auch kann. Das «neue Alter» war Thema des Kongresses «Das Alter neu erfinden – ein Megatrend und seine Auswirkungen», den die Reformierte Landeskirche Aargau am Wochenende durchführte. Im Kultur- und Kongresshaus Aarau diskutierten Fachpersonen aus Wirtschaft, Kirche, Soziologie und Psychologie. Der Haupttenor am Ende des Kongresses, an dem rund 350 Personen teilnahmen, lautete: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und nicht zuletzt «die Alten» selbst müssten lernen, das Alter nicht nur als Problem, sondern auch als Chance auf neue Lebensstile und Formen des Zusammenlebens zu verstehen. Moderiert wurde der Anlass von Brigitta Rotach, Theologin und Gesprächsleiterin der Sendung «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens.
 
Ausgangspunkt des Kongresses war die demografische Entwicklung: Die Bevölkerung wird immer älter – und das häufig bei guter Gesundheit und sicheren finanziellen Verhältnissen. «Noch nie konnten die Menschen so gut alt werden wie heute», betonte der St. Galler Soziologieprofessor Peter Gross in seinem Einstiegsreferat zum Kongress. Und noch nie lebten so viele Generationen miteinander, was durchaus positiv sei: «Diese Generationenverbände bilden ein robustes gesellschaftliche Rückgrat.» Die Lebenserwartung steigt, die Zeit nach dem Ende des Berufslebens wird immer länger. Für diese Zeit gebe es keine Vorbilder oder Rollenbilder.
François Höpflinger, Soziologieprofessor an der Uni Zürich, erklärte an einer Podiumsdiskussion zum Auftakt des Kongresses am Freitagabend: «Die Diskrepanz zwischen biologischem und gefühltem Alter wird grösser. Je älter man tatsächlich ist, desto weniger nimmt man das eigene Alter wahr.» Das gelte insbesondere für die so genannten «Babyboomer», die Nachkriegsgeneration, die einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung miterlebt hat und gewohnt ist, ihr Leben selbst zu bestimmen.
 
Jeder altert anders
Wann ist jemand überhaupt alt? Mit 60, mit 80 oder erst im Zustand der Pflegebedürftigkeit? «Das Alter gibt es nicht», sagte Martin Mezger, Theologe und Fachmann für Altersfragen, in seinem Referat «Alter und Alltag» am Samstagvormittag. Jeder altere anders: «Das Alter betrifft Individuen, die nur eines gemeinsam haben, nämlich dass sie früher geboren wurden als andere.» So unterschiedlich wie Menschen leben, erleben sie auch ihr Alter: «Man wird im Alter nicht plötzlich zu einem bestimmten Typus Mensch, zum Senior.» In diesem Sinn seien «drittes» und «viertes Lebensalter» oder «Hochbetagte» lediglich Hilfsbegriffe, derer sich Fachleute bedienten, um die Thematik einzuordnen. Eines allerdings lasse sich aber allgemein beobachten, meinte Mezger: «Je älter wir werden, desto mehr werden wir uns selbst – mit allen guten und schlechten Eigenschaften.»

Umfragen belegen, dass die Zufriedenheit der Bevölkerung mit steigendem Alter zunimmt, ja nach 60 Jahren sogar am höchsten ist. Trotzdem ging es am Kongress in Aarau nicht darum, das Alter schönzureden. Schliesslich sei Altern tatsächlich nicht immer lustig, sagte die Psychologin Julia Onken in ihrem mit Spannung erwarteten Schlussreferat über die «Kunst des Älterwerdens». Körperliche Schwächen sind real, ebenso das Problem der Finanzierbarkeit. Die Frage sei, wie mit dieser Realität umzugehen sei. «Wichtig ist, dass man diese Klischees nicht einfach nachbetet, dass man nicht immer auf den alten Trampelpfaden im Gehirn bleibt», sagte Onken. Viele ältere Menschen – und das betrifft vor allem die Frauen – haben Mühe, die körperlichen Veränderungen, den Zerfall der Schönheit, zu akzeptieren. Es sei aber besser, die Zeichen des Älterwerdens zu akzeptieren, statt sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. «Das heisst auch, dass man zu sich selbst Ja sagt», so Onken.
 
In eine ähnliche Richtung gingen die Ausführungen der 84-jährigen evangelischen Theologin und Autorin Elisabeth Moltmann-Wendel aus Tübingen. Sie plädierte dafür, «die Dinge der Jugend mit Grazie aufzugeben». Das Alter könne hier eine neue Freiheit bieten, indem man gut zu sich selbst ist, die Grenzen des Körpers anerkennt und sich das Leben selbst einfacher mache. Die körperlichen Einschränkungen des Alters könne man in einer neuen Philosophie der Körperhaltungen positiv fassen: Neben dem allseits anerkannten aufrechten Stehen, müsse man auch das Sitzenbleiben«mit aufrechtem Kopf» üben, um schliesslich die «Grazie des Liegens» zu entdecken.
Mit zunehmender Lebenserwartung steigt auch der Anteil der Pflegebedürftigen. «Sie werden immer noch als Randgruppe behandelt», meinte Martin Mezger. Dabei sei die Gruppe mittlerweile so gross, dass man nicht umhin komme, sie als vollwertigen Teil der Gesellschaft zu akzeptieren und ihre Anliegen ernst zu nehmen.  Und Elisabeth Moltmann-Wendel betonte: «Pflegebedürftigkeit sollte einfach zum Leben gehören. Schliesslich sind wir alle vollkommen pflegebedürftig, wenn wir zur Welt kommen».

Auch für die Kirche stellt sich die Frage, wie sie auf die Bedürfnisse der «neue Alten» eingehen soll. «Wir brauchen einen neuen Zugang zu den älteren Menschen», erklärte Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Landeskirche Aargau in ihrer Begrüssung. Ralph Kunz, Theologieprofessor an der Uni Zürich, nannte als Beispiele für die neue kirchliche Altersarbeit das Erzählcafé und die Schreibwerkstatt. Beides wird in einzelnen Kirchgemeinden bereits mit Erfolg durchgeführt. Es handelt sich um generationenübergreifende Anlässe, an denen sich die Teilnehmer aktiv beteiligen. «Die Leute kommen, weil sie Interesse an dem Angebot haben, nicht, weil sie alt sind.»
 
Auftakt mit Improvisationstheater und Podiumsdiskussion
Einen vergnüglichen Einstieg in das komplexe Thema des Kongresses bot am Freitagabend das Zürcher Playback-Theater. Vier Schauspielerinnen und Schauspieler und ein Musiker brachten spontan Geschichten und Gedanken auf die Bühne, welche das Publikum in Bezug auf das Alter beschäftigten – seien es körperliche Beschwerden, die zunehmende Vergesslichkeit oder die Sorge um die künftige Wohnsituation. Das Publikum nickte immer wieder zustimmend, lachte und applaudierte begeistert.
Die Moderatorin Brigitta Rotach leitete auch die anschliessende Podiumsdiskussion über die Frage «Wie verändert das neue Alter unsere Gesellschaft und uns selbst?» mit François Höpflinger, Elisabeth Moltmann-Wendel, Claudia Bandixen und Hans-Peter Zehnder, CEO der Zehnder Group AG. Das Gespräch bewegte sich immer wieder zwischen den beiden Ebenen die diesen Abend und den ganzen Kongress prägten: Einerseits die Konsequenzen, über die unsere Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und viele gemeinnützige Organisationen, auch die Kirchen, noch viel mehr nachdenken müssen – andererseits ist das Altern aber auch ein unausweichlicher Teil des eigenen Lebenslaufs, zu dem sich die Referentinnen und viele Kongressteilnehmer sehr persönlich äusserten.
 
Der Politik zuvorgekommen
Am Samstagnachmittag fanden neben den Referaten insgesamt fünf Seminare statt, in denen auch die Referentinnen und Referenten aus dem Hauptprogramm mitwirkten. In den Seminaren standen die interdisziplinären Fragestellungen im Mittelpunkt. Sieben Fachleute aus verschiedenen Fachgebieten wirkten zusätzlich zu den Referentinnen und Referenten aus dem Hauptprogramm mit.
Dass sich die reformierte Landeskirche Aargau mit den «Veränderungen des Alters» ein aktuelles Thema für ihren diesjährigen Kongress ausgesucht hat, bescheinigte ihr die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli in ihrem Grusswort. Ihr Department werde im kommenden Frühling einen Kongress zum selben Thema durchführen, liess die Gesundheitsdirektorin verlauten. «Hier ist uns die Kirche zuvorgekommen.» Die Reformierte Landeskirche Aargau selbst wird sich an der Synode am 19. Januar 2011 ausführlich mit dem Thema «Das Alter neu erfinden» und seinen Auswirkungen für die Kirche beschäftigen.


 
ria / Béatrice Koch, Frank Worbs, 8615 Zeichen, 1177 Wörter



Aufgeschaltet am 8. November 2010
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