Begegnung statt Vorurteile 2010 - Reformierte Landeskirche Aargau


Stritengässli 10 · Postfach · 5001 Aarau · Telefon 062 838 00 10 · www.ref-ag.ch · ag@ref.ch


Startseite Kontakt Login Sitemap ___________________

MM_Begegnung_statt_Vorurteile_2010
Aargauer Pfarrerinnen und Pfarrer an der Kapitelssitzung in Lenzburg
Foto: F. Worbs

Begegnung statt Vorurteile, Wissen statt Ängste – religiöse Integration ist eine Aufgabe der Kirche

Bericht von der Kapitelstagung
 
Bei einer Tagung des Pfarrkapitels der Reformierten Landeskirche Aargau am 27. Mai im Kirchgemeindehaus Lenzburg erläuterte Prof. Dr. Martin Baumann, Religionswissenschaftler an der Universität Luzern, wie die reformierte Kirche und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer auf den Umgang der Gesellschaft mit anderen Religionen reagieren können. Sein Fazit im Gespräch mit 84 reformierten Geistlichen: Integration ist eine wichtige innerkirchliche Aufgabe.


Die Minarettinitiative hat gezeigt, dass in der Bevölkerung Ängste und Unsicherheiten bezüglich des Islams bestehen. Gerade in kirchlichen und religiösen Kreisen fand die Initiative eine höhere Zustimmung als im Bevölkerungsdurchschnitt und das, obwohl sich die Kirchenleitungen deutlich gegen die Initiative ausgesprochen hatten. Die Ängste, die darin zum Ausdruck kommen, gehen darauf zurück, dass die religiösen Gebäude der Zuwanderer mehr und mehr sichtbar werden. Moscheen, Tempel und Gebetsräume rücken von der Unsichtbarkeit in Hinterhöfen und Kellern vermehrt ins Strassenbild und damit in das Bewusstsein der Bevölkerung. Der gesellschaftliche Pluralismus wird sichtbarer. Die Kirchen und der christliche Glaube verlieren ihre Monopolstellung.
Auch innerhalb der Kirchen wird die Heterogenität grösser. Sogar Kirchgänger nehmen viele Impulse von anderen Religionen auf: Buddhistische Meditation, Esoterik, Astrologie und vieles mehr.
Wie sollen Kirchen und Kirchgemeinden auf die Entwicklungen reagieren? Für Prof. Dr. Martin Baumann ist die Antwort klar: Die Kirchen brauchen eine neue Kultur der Integration. Nach innen sollten die Theologinnen und Theologen ihre Gläubigen nicht bevormunden, aber dennoch klar ihre eigene Position zeigen. Im Bezug nach aussen müssten die christlichen Kirchen akzeptieren, dass sie auf religiösem Gebiet keine Monopolisten mehr seien. Die Entwicklung sei allerdings nicht so dramatisch, wie sie in den Medien bisweilen dargestellt werde.

Anerkennung statt Toleranz
Zur Überraschung des Auditoriums sprach Martin Baumann bewusst nicht von «religiöser Toleranz», sondern beurteilte den herrschenden Toleranzbegriff negativ. Toleranz sei etwas, so Baumann, das man gewähren und auch wieder entziehen könne. Darin zeige sich ein Machtgefälle. Aus diesem Grund verwende er lieber den Begriff «Anerkennung». Es gehe darum, andere Gruppen so wahrzunehmen und zu akzeptieren, wie sie sind.
Baumann rät den Kirchgemeinden, sich mit den anderen religiösen Strömungen in verschiedenen Schritten zu befassen: sie zunächst wahrnehmen, den Menschen begegnen, den Austausch mit ihnen suchen und sie in ihrer Andersartigkeit «anerkennen». Besonders der Besuch von religiösen Sakralbauten wie Moscheen oder Tempeln und die Begegnung mit den dort beheimateten Gläubigen - das zeitliche und finanzielle Engagement dieser Gruppen - sind für die landeskirchlichen Besucher oft sehr beeindruckend. Die Begegnungen führen häufig zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Religiosität und im besten Fall zu einer Vertiefung derselben.
Wenn die Kirchen hingegen die anderen Religionen als Konkurrenz empfänden und bemüht wären, nichtchristliche Religionen und deren Sakralbauten aus der Öffentlichkeit zu verbannen, dann könnten sie langfristig selbst in Gefahr kommen. Es wäre durchaus vorstellbar, dass nach und nach alle religiösen Symbole in der Öffentlichkeit ins Visier genommen und früher oder später verboten würden. In dieser Hinsicht sässen die Kirchen mit den anderen Religionen «im selben Boot».
Prof. Martin Baumann fasste die Aufgabe der Landeskirchen, Kirchgemeinden und der Pfarrerinnen und Pfarrer so zusammen: Entscheidend für das Gelingen eines friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Religionsgemeinschaften in der Schweiz ist eine Integrationsarbeit der Kirchen, die bei ihren Mitgliedern ansetzt. Eine Integrationsarbeit, die Ängste durch Wissen und Vorurteile durch Begegnungen ersetzt und so die Gesellschaft in ihrer Aufgabe der Integration anderer Kulturen unterstützt.

Geschäfte und Bibliothek
Im geschäftlichen Teil, den Co-Präsident Dominique Baumann leitete, wurden die Rechnungen 2009 bewilligt und zwei neue Mitglieder in die Bibliothekskommission des Pfarrkapitels gewählt: Peter Weigl, Windisch, und Elmar Bortlik, Unterentfelden. Martin Zürcher stellte die Arbeit der Bibliothekskommission vor und ermunterte zur Ausleihe der Bücher. Sie sind in der Aargauer Kantonsbibliothek als «Predigerbibliothek» integriert und verfügbar. Mehr Informationen zur Predigerbibliothek auf www.ref-ag.ch unter «Mitarbeitende / Pfarrerinnen».



Meldung verfasst von: ria / Lutz Fischer
 


Aufgeschaltet am 9. August 2010
zurück...