Finanztagung reformierte Kirchen 2007 - Reformierte Landeskirche Aargau


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Der Aargauer Kirchenrat Hans Rösch referiert an der Finanztagung der reformierten Kirchen der Schweiz in Aarau
Foto: Frank Worbs

Die finanzielle Zukunft der reformierten Kirchen und ihr Umgang mit dem Geld

Bericht von der Finanztagung der reformierten Kirchen der Schweiz am 9. November 07 in Aarau

Zum ersten Mal kamen am Freitag, 9. November 07, im Bullingerhaus in Aarau auf Einladung der Reformierten Landeskirche Aargau die Finanzverantwortlichen fast aller Deutschschweizer reformierten Kirchen zu einer Tagung über die finanzielle Zukunft der reformierten Kirchen in der Schweiz und ihren Umgang mit Vermögen und Geldanlagen zusammen. An der Tagung wurden drei zentrale Themen behandelt. In Arbeitsgruppen diskutierten die kirchlichen Finanzverantwortlichen über die voraussichtlichen Einnahmen und Ausgaben in den nächsten 20 Jahren.


Medienmitteilung vom 10. November 2007

Dabei zeigte sich, dass zwar mit einem leichten Rückgang der Mitgliederzahl gerechnet wird, dies aber eher aufgrund der veränderten Altersstruktur der Gesellschaft als aufgrund der inzwischen wieder rückläufigen Austrittszahlen, die durch steigende Eintrittszahlen zunehmend kompensiert werden.

Hans Rösch, finanzverantwortlicher Kirchenrat der Aargauer Landeskirche, erwartet für den Aargau aufgrund spezieller Faktoren bis 2027 sogar einen leichten Zuwachs der Erträge aus den Kirchensteuern. Grössere Veränderungen sehen er und die anderen Finanzfachleute eher auf der Ausgabenseite. So erwarten sie zunehmende Aufgaben in der Diakonie, weil der Sozialstaat an seine Grenzen stossen wird und neue Gruppen von Bedürftigen und Notleidenden entstehen. Übereinstimmend betonen sie auch die Bedeutung der Kommunikation mit den Mitgliedern und eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit.

Hans Rösch, bis vor Kurzem Geschäftsleitungsmitglieder der BDO Visura, vertrat unter anderem die These, dass die reformierte Kirche im Jahr 2027 keine eigenen Immobilien mehr besitzt. Alle Häuser würden von einer eigenen kirchlichen Immobiliengesellschaft verwaltet und von der Kirche für ihre Zwecke gemietet.

Von freiwilligen Mitgliederbeiträgen bis zu staatlicher Finanzierung
Dass die Einnahmenperspektiven für die kantonalen Kirchen sehr unterschiedlich aussehen können, erklärt sich aus den äusserst unterschiedlichen Finanzierungs- und Rechtsformen der reformierten Schweizer Kirchen. Christian Straumann, Finanzchef des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, gab einen Überblick über die Situation: Nur die drei Landeskirchen in den Kantonen Bern, Zürich und Waadt erhalten wesentliche Beiträge vom Staat. Die anderen sind weitgehend unabhängig. In den meisten Kantonen zahlen natürliche und juristische Personen Kirchensteuern, in Aargau, Appenzell-Ausserrhoden, Basel-Stadt und Schaffhausen hingegen nur natürliche Personen. Die welschschweizer Kirchen und das Tessin kennen keine verpflichtenden Kirchensteuern sondern lediglich freiwillige Mitgliederbeiträge.

Im zweiten Teil der Tagung ging es um die Fragen, wie die Kirchen mit ihrem Vermögen und ihren Geldanlagen umgehen und welche neuen Finanzierungsmöglichkeiten sie erschliessen könnte.

Urs Holliger von der Stiftung Ethos, stellte die von Pensionskassen zur Prüfung der Nachhaltigkeit von Finanzanlagen geschaffene, unabhängige Stiftung Ethos vor und hielt ein Plädoyer für ethisch sorgfältig abgeklärte und nachhaltige Geldanlagen.

Neue Finanzierung durch Stiftungen – die Zukunftsfähigkeit der Reformierten
Der Hauptreferent Prof. Dr. Thomas Druyen, Soziologe und Philosoph mit dem einzigen Lehrstuhl in Europa für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund-Freud-Universität Wien, ging auf Fragen der Vermögensethik ein und ermunterte die Kirchen durch Stiftungen neue Finanzierungsmöglichkeiten zu entwickeln. Druyen hat in seinem Buch «Goldkinder – Die Welt des Vermögens» ein neues Verständnis von Vermögen entwickelt, das er bewusst von Reichtum, der nur mit Geld verbunden ist, unterscheidet,. Zu den wichtigsten «Vermögen» der Menschen im weiteren Sinn zählt er die Kinder, die verbesserte Gesundheit, das deutlich verlängerte Alter und die Möglichkeiten der Alten, wenn sie sich für die Gesellschaft einsetzen. Und als viertes und wichtigstes Vermögen: der Glaube. Denn er ist die stärkste Kraft des Menschen und hilft, viele Situationen im Leben besser zu bewältigen. Vermögen hat in diesem Sinne jeder Mensch. Dieses Vermögen verpflichtet ihn oder sie, es auch für die Gesellschaft einzusetzen.

Den Kirchen kommt bei der Vermittlung dieser «Vermögensethik» und der ihr zugrunde liegenden Werte eine besondere Bedeutung zu. Den reformierten Kirchen bescheinigte Druyen eine hervorragende Zukunftsfähigkeit, weil sie mit ihrer basisdemokratischen Struktur und finanziellen Transparenz und Glaubwürdigkeit viele dringende Fragen geklärt hätten, die andere Kirchen noch vor sich hätten. Er riet den Kirchen, für diakonische und soziale Projekte und Aktivitäten Stiftungen zu gründen, die von Firmen und vermögenden Privatpersonen finanziell besser unterstützt werden könnten als die Kirchen selbst. Viele Unternehmen und Reiche sind an gemeinnützigen Projekten interessiert, die sie gerne finanzieren, wenn die Kirchen die Qualität und Seriosität dieser Projekte und die korrekte Verwendung der Gelder garantieren.

Kann eine Kirche ein Triple-A Rating bekommen, wurde Walter Berchtold, Geschäftsleitungsmitglied der Aargauer Kantonalbank, zum Abschluss der Tagung gefragt. Berchtold erläuterte die speziellen Bedingungen und Beobachtungen beim Rating von politischen Gemeinden, die oft hohe Schuldenlasten ausweisen. Den Landeskirchen, in deren Rechnungen er zur Vorbereitung Einsicht nehmen konnte, wies er ein überzeugtes AAA zu. Er wies aber auch darauf hin, dass die Landeskirchen sich darauf nicht ausruhen dürften. Auf der Einnahmenseite müssten sie die Entwicklung der Mitgliederzahlen und auf der Aufwandsseite z.B. die Frage der Langfristigkeit ihrer finanziellen Verpflichtungen beachten: Wie flexibel könnten die Landeskirchen bei sinkenden Einnahmen finanzielle Beiträge an Dritte anpassen?

Bei der Verabschiedung stellten die Aargauer Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen und Hans Rösch eine weitere Aargauer Tagung in diesem wichtigen Kreis in Aussicht. Die spannenden Fragen hätten nur angerissen können und müssten nun auf dieser deutschschweizer Ebene mit reformierten Finanzfachleuten intensiver bearbeitet werden.



Meldung verfasst von: Frank Worbs, 5938 Zeichen (incl. 775 Leerzeichen)




Aufgeschaltet am 10. November 2007
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